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Auszug: Aus für Santa Claus [Long read]

Herbert Dutzler bringt den Weihnachtsmann um.  Natürlich nur am Papier – was haben Sie denn gedacht?

In der warmen Stube duftet es nach Vanillekipferl und Punsch, vor dem Fenster fallen dicke Schneeflocken herab – und der Weihnachtsmann? Der liegt ermordet am Christkindlmarkt! Totschlag zum Fest der Liebe: Da kann nur Krimi-Bestsellerautor Herbert Dutzler am Werk gewesen sein.

Mit dem liebenswürdigen Kult-Ermittler Franz Gasperlmaier hat sich Herbert Dutzler in die Herzen tausender Krimi-Fans geschrieben. Nur: Selbst der beste Inspektor braucht einmal eine Pause. Das Verschnaufen rund um die Feiertage sei ihm vergönnt, finden wir. Aber keine Angst: Herbert Dutzler sorgt dennoch für spannende Weihnachten. In „Bär im Bierkrug, Gott und Teufel“ – seinem neuesten Streich – präsentiert er vierzehn abgründig-vergnügliche Kriminalgeschichten.

Als Weihnachtszuckerl gibt es bei uns jetzt schon einen exklusiven Auszug aus dem neuen Erzählband!

Viel Vergnügen beim Lesen. Und aufpassen, wenn Sie das nächste Mal gemütlich über den Adventsmarkt schlendern!

Exklusiv: Die Vorab-Leseprobe aus Herbert Dutzlers neuem Buch: Bär im Bierkrug, Gott und Teufel

 

Aus für Santa Claus

Genau dort, wo eine schwarze Markierung an der Wand die Hochwasserstände verewigte, war der Weihnachtsmann zusammengesunken. Sein Kopf war vornübergekippt und gab die Flutmarkierung von 1922 frei. Ich drehte am Einstellrad meiner Kamera, um rasch noch Fotos zu schießen, bevor die Polizei mich vertreiben würde. Ohne Blitz allerdings würden die Fotos wohl nicht einmal für unser Provinzblättchen reichen, dessen einziger Vollzeit-Journalist zu sein ich die Ehre hatte – obwohl ich mit meiner neuen Spionagekamera mit dem Superzoom Santas rotbemützten Kopf formatfüllend ins Bild bekam.

Rund um den Weihnachtsmann waren weiträumig Absperrbänder gezogen, uniformierte Polizeibeamte lotsten die Besucher des Adventmarkts aus dem Schloss Orth auf die Brücke. Dabei kam es immer wieder zu Staus, niemand wollte sich die Sensation entgehen lassen, dass hier, mitten in Gmunden, auf dem Adventmarkt der Weihnachtsmann ermordet worden war.

Ich stand noch auf der Arkade, die in Höhe des ersten Stockes rund um den Schlosshof führt. Bis jetzt hatte ich mich den Bemühungen der Uniformierten entziehen können, die die Weihnachtsausstellung zu räumen hatten.

„Wenn ich bitten darf!“ Als einen der Letzten drängte mich ein weißbärtiger Polizist nun doch in Richtung Ausgang. Als ich nach unten kam, stand an der Polizeiabsperrung mein ehemaliger Mathematiklehrer Federmann, ein wahrhaft germanischer Recke mit Schmissen im Gesicht. Mit dem Schirm gestikulierend schüttelte er den Kopf. Ich fragte mich, ob seine Entrüstung der Existenz des Weihnachtsmannes oder dessen vorzeitigem Tod galt. Aus dem Augenwinkel nahm ich Robert Eisl wahr, einen Kriminalbeamten, der mich gelegentlich mit Insiderinformationen versorgte.

Ich hielt dem Polizisten meinen Presseausweis unter die Nase. „Presse. Ich möchte kurz mit Herrn Inspektor Eisl sprechen.“ Noch bevor der verdutzte Uniformträger reagieren konnte, hatte ich mich aus seinem Schatten zurück in den Hof gedrängt.

„Robert!“ Der Angesprochene drehte sich wohl zu mir herum, war aber offenbar wenig erfreut, mich hier zu treffen. Resignierend kam er mit langsamen, kurzen Schritten auf mich zu. „Es ist besser, du gehst. Hier kriegst du keine Informationen außer dem, was du selber sehen kannst.“ „Wenn du mir keine Infos gibst, bin ich gezwungen zu spekulieren.“

Er musterte mich wie ein widerwärtiges Gericht, das man aus irgendwelchen Rücksichten sich gezwungen sieht zu essen. „Er ist erstochen worden, Leberstich, verblutet. Keine Tatwaffe, kein Täter. Tatort noch unbekannt, er hat sich wohl noch hierhergeschleppt. Zunächst hat man ihn für besoffen gehalten, wie es aussieht – und dann war es zu spät.“

Im Bereich innerhalb der Absperrbänder, so weit wie möglich von dem Toten entfernt, schluchzte eine dunkelhaarige Frau, gegen die Schulter einer Polizeibeamtin gelehnt, die ihr begütigend über den Rücken strich. Die Frau trug lediglich einen rosa-weißen Baumwollkittel.

„Die Witwe?“, fragte ich, zu Robert gewandt. „Josef!“ Er rief den weißbärtigen Uniformierten von vorhin mit einer Handbewegung zu sich. „Der Herr möchte gehen.“ Josef schnappte mich fast liebevoll am Oberarm und zog mich zum Tor. Nach den vielen Recherchegesprächen an Punsch- und Glühweinständen, die ich schon hinter mir hatte, war ich nicht mehr allzu sicher auf den Beinen und konnte ihm daher kaum wirksamen Widerstand entgegensetzen. „Das ist Behinderung der freien Presse!”, maulte ich ebenso halbherzig wie vergeblich.

Wenig später fauchte mir auf der Brücke, die zum Ufer des Traunsees führte, der Wind eiskalt in die Ohren und den Halsausschnitt, sodass ich den Reißverschluss meiner Jacke bis obenhin zuzog. Eines hinter dem anderen standen auf der Brücke Polizeifahrzeuge mit zuckenden Blaulichtern. Dahinter stauten sich Neugierige, die von den Lichtern so magisch angezogen worden waren wie Gelsen von warmen, gut durchbluteten Frauenhälsen.

Apropos Frauenhälse: Mir war eingefallen, warum die Witwe keinen Mantel getragen hatte: Sie hatte an einem Verkaufsstand auf dem Markt im Schloss Orth bedient. Die nunmehrige Witwe Weihnachtsmann war eine äußerst attraktive Frau, und nur ihretwegen hatte ich einen Brioche-Krampus erstanden. Sie betreute einen Bäckereistand mit Weihnachtsgebäck, Christstollen, Bauernbrot und Germstriezeln. Gerade hatte sie einen dicken, runden Laib gegen ihren Bauch gehalten und ihn mit einem großen Messer entzweigeschnitten, eine Hälfte in Papier gewickelt und ihn lächelnd einem älteren Mann hingereicht. Ein wenig Lächeln war auch für mich abgefallen, was in mir etwas wie eine Kaufverpflichtung ausgelöst hatte. Ich war also an ihren Stand getreten, hatte eine vermutlich peinliche Bemerkung über schöne Bäckerinnen gemurmelt und auf den erstbesten Krampus gezeigt. „Sie kenne ich doch, von der Zeitung, oder?“ Gratis zum Krampus gab es ein noch charmanteres Lächeln als zuvor. Nicht einmal mein allermüdester Scherz – in Richtung „Miss Adventmarkt“ – löschte es aus, entweder hatte sie es überhört oder tatsächlich als Kompliment genommen.

Jetzt, wo ich langsam wieder nüchtern zu werden drohte, war mir mein Auftritt peinlich. Ich sollte mich beim Trinken etwas beherrschen. Was aber konnte diese Frau mit dem Weihnachtsmann zu tun haben? Der musste doch viel älter sein als sie? Vielleicht war sie gar nicht die Witwe, sondern die Tochter? Ich würde es erfahren, am Montag musste ich ohnehin die ganze Geschichte recherchieren, um vor Redaktionsschluss unseres Wochenblättchens die Story fertig zu haben.

Ich hatte wenig Lust, nach Hause zu gehen. Mir war alleine in meiner Wohnung kalt, auch wenn die Heizung voll aufgedreht war. Während ich Schneereste und Eis von meiner Windschutzscheibe kratzte, wusste ich, wo ich heute noch Gesellschaft und etwas Annehmbares zu essen finden würde. Es gab da ein Gasthaus mit einem neuen Pächter aus Tschechien, dort wurde ganz anständig gekocht.

Wie nicht anders erwartet, fand sich eine Tischgesellschaft, die mich aufnahm. Herbert, ein Lehrer vom Gymnasium, saß dort mit einem Posaunisten von der Musikschule. Herbert traf man fast täglich im Wirtshaus, es trieb ihn um, er war alleine, hatte Haus, Kinder und Frau durch Scheidung verloren und hielt sich mit wechselnden Beziehungen, hauptsächlich mit Servierpersonal, über Wasser. Dem Posaunisten – hieß er nicht Alfred? – war ich ein-, zweimal begegnet, er war ein leidlich guter Zuhörer und Unterhalter. Wenn mich auch die Geschichten aus seiner Jugend, als er auf Bällen jedes Wochenende zum Tanz aufgespielt und jeweils zumindest zwei Ballbesucherinnen abgeschleppt hatte, nicht wirklich zu fesseln vermochten. Diesmal allerdings hatte ich selbst ein interessantes Konversationsthema zu bieten – wann gab es bei uns schon einmal einen Mord, noch dazu einen so pittoresken?

Nach dem Essen gesellte sich der Wirt zu uns, der den Namen des Opfers bereits kannte. Wahrscheinlich war ein Polizist noch auf ein Bier nach Dienstschluss vorbeigekommen und hatte den Mund nicht halten können. Ein gewisser Ewald Schöninger sollte es sein, ein ehemaliger Elektriker von der Energie-AG. „Abär ist hinausgeschmissän wordän“, informierte uns der böhmische Wirt noch. Die Frage nach den näheren Umständen des Hinauswurfs beantwortete er nur mit einem Schulterzucken.

Nach einem zu fetten Essen und vier oder fünf Bieren samt begleitenden Schnäpsen wankte ich nach Hause. Das Auto musste vor dem Wirtshaus bleiben, ein Sonntagsspaziergang, um es abzuholen, würde mir nicht erspart bleiben.

Ein paar dürftige Erotikclips mit mageren Darstellerinnen vermochten mich nicht vor dem Fernseher zu fesseln, und da ich in dem Krimi, den ich gerade zu lesen versuchte, schon wieder vergessen hatte, wer eigentlich ermordet worden war, schlief ich bald ein.

Mit trockenem Mund, Durst und Kopfweh wachte ich am Sonntag auf. Würde ich vor dem Fernseher liegen bleiben und mich bemitleiden, würde sich an diesem Zustand nichts ändern. Missmutig duschte ich daher, fuhr in meine Kleider und machte mich in die schneidende Kälte auf, um auf einem langen Umweg zu meinem Fahrzeug zu gelangen.

Nach zwei Stunden war ich wieder zu Hause, es ging mir entschieden besser. Jetzt konnte ich es wagen, meine Teilzeitbegleiterin Linda anzurufen. Als Lebensabschnittsgefährtin konnte ich sie – noch – nicht bezeichnen, obwohl meine Absichten durchaus ernsthaft waren. Linda war Lehrerin, also mit einem eigenen Einkommen ausgestattet, und würde mir daher niemals auf der Tasche liegen. Darüber hinaus war sie intelligent, redegewandt und erfrischend kirchenfeindlich. Außerdem verfügte sie über einen wunderbar proportionierten Körper, und seitdem ich ihre Mutter kennengelernt hatte, war ich mir sicher, dass auch die Gene stimmten. Ich würde auch noch in einigen Jahrzehnten an Linda Freude haben, wenn man von der Mutter auf die Tochter schließen durfte. Das einzige Problem war, dass Linda mit der Menge an Alkohol, die ich zu konsumieren pflegte, nicht immer einverstanden war.

„Linda, Schatz, ich bin es. Hast du Lust, heute mit mir zum Adventmarkt am Rathausplatz zu gehen? Es ist so schön winterlich, und alles …“, versuchte ich, für mein Anliegen zu werben. „Musst du für die Zeitung hin oder privat?“ Etwas zu scharf, etwas zu sachlich. „Teils, teils. Natürlich sollte ich ein paar Fotos machen, wegen der winterlichen Stimmung. Aber recherchieren brauch ich nichts. Ich schreib aus dem Gedächtnis, oder ich ändere den Text vom Vorjahr.“

Linda atmete kurz und hörbar durch. „Ich geh gern mit dir hin. Wenn du dich nicht besäufst.“ „Okay, okay. Aber ohne ein, zwei Punsch oder Glühmost macht es ja auch keinen …“ Linda unterbrach mich mit einer längeren Darstellung meiner Trinkgewohnheiten, die ich zunächst mehrmals mit zustimmendem „Ja, ja!“ zu unterbrechen suchte. Später ertappte ich mich dabei, dass ich nur mehr nickte – was Linda nicht zu stören schien. Schließlich stimmte sie zu – ich solle sie um zwei abholen.

Für Linda war ich tatsächlich bereit, mich zu ändern. Wenn ich nur an ihre einfach perfekt modellierten Brüste dachte, schien mir jedes Opfer, das ich bringen müsste, eine sinnvolle Investition zu sein. Kein Bildhauer hätte die so hingekriegt.

Als sie in mein Auto stieg, bekam ich einen liebevollen, langen Kuss, der mich zu dem Vorschlag verleitete, doch statt zum Adventmarkt lieber in meine Wohnung zu fahren, um dort einen gemütlichen Nachmittag zu verbringen. „Nein, nein, mein Lieber! Du fährst jetzt schön da runter zum Markt. Und wenn du abends nicht besoffen bist, reden wir weiter über Gemütlichkeit.“

Ich hatte keine Wahl. Gleich am Eingang des Marktes befand sich der Punschstand des Lions Club, wo ich unbedingt Halt machen musste – Günther, ein befreundeter Weinhändler, hatte gerade Dienst. „Ihr wollt sicher einen Punsch!“, grinste er schon von weitem. Linda wollte keinen und signalisierte mir deutlich, dass auch ich keinen wollen sollte. Ich aber brachte es nicht über mich, Günthers Angebot abzulehnen. „Für mich einen Kinderpunsch“, sagte Linda. Ihre Augen funkelten vorwurfsvoll, als ich die beiden Becher gereicht bekam.

Natürlich kam das Gespräch sehr schnell auf den gestrigen Mord. Zu meiner Überraschung wusste auch Günther schon, wer der Getötete war. „Ein Spinner. Kein Wunder, dass den mal jemand aus dem Verkehr gezogen hat.“ Während ich mir meine kalten Hände am Becher wärmte und gelegentlich Lindas Händedruck am Oberarm verspürte, der mich zum Weitergehen veranlassen sollte, erzählte Günther. Den Gerüchten zufolge habe der Ermordete stets eine Waffe in seinem Schreibtisch gehabt und gelegentlich Kollegen gedroht, er werde sie auch verwenden. Gegen die Lehrerin seines Sohnes sei er vor Gericht gezogen, die sei eine Terroristin. Seinen Arbeitgeber habe er verklagt, weil er bei der Arbeit an den Transformatoren giftigen Substanzen ausgesetzt und dadurch zeugungsunfähig geworden sei. „Insgesamt ein kompletter Paranoiker“, schloss Günther. „Na ja, jetzt ist er tot. Vielleicht waren seine Ängste doch nicht so paranoid.“

Linda verstärkte den Druck auf meinen Arm. „Wir gehen jetzt mal eine Runde“, entschied sie, doch Günther kam ihr zuvor. „Wartet! Ich hab noch was Besseres für euch! Man kann ja nicht die ganze Zeit dieses Geschlader trinken.“ Er deutete auf die leeren Plastikbecher. Aus verborgenen Bereichen seines Standes zog er eine Flasche Rotwein, einen „In Signo Leonis“ von Bayer. Ich nickte anerkennend. Bei Günther hatte ich schon die besten Weine der Welt getrunken, er lud mich häufig zu Verkostungen in seine Vinothek ein, erstens, weil er ein wirklicher Freund war, zweitens, weil ich von Wein etwas verstand und nicht nach Name und Preis einkaufte, und drittens, weil ich in der Zeitung gratis für ihn Werbung machte. Diesen Wein hätte ich mir selbst nie leisten wollen.

Der Ton, in dem Linda nun mehr zischte als sagte: „Für mich nicht, danke“, ließ nichts Gutes erahnen. Dennoch nahm ich von Günther ein Glas entgegen und ließ mir einschenken. Er prostete mir gut gelaunt zu, während ich nicht einmal den ersten Schluck des wirklich außerordentlichen Roten genießen konnte. Linda hatte sich von meinem Arm gelöst und war mit energischen, auf dem Pflaster heftig klackenden Schritten davongestürmt und hinter einem Stand verschwunden. „Mach dir nichts draus, meine Frau ärgert sich auch immer, wenn ich hier Dienst mache. Sie sagt, wir hätten genug Geld. Wir sollten es am besten direkt spenden, ohne hier einen Stand aufzubauen, dann hätten wir mehr Zeit für die Familie.“ Resignierend zuckte er die Schultern. „Was soll man machen!“

Ich ärgerte mich über mich selbst. Ohne wirkliche Begeisterung lobte ich den Wein und verabschiedete mich, obwohl Günther Anstalten machte, mir nachzuschenken. Ich musste Linda suchen. Wenn ich jetzt mit ihr den Markt abklapperte und nichts mehr trank, war es vielleicht noch nicht zu spät.

Als ich auf der Rathausseite aus der Reihe der Marktstände heraustrat, sah ich zwar nicht Linda, aber einen höchst seltsamen neuen Stand. „Stoppt den Weihnachtsmann!”, stand auf einem roten Transparent, das über die ganze Länge des Standes gespannt war. Auf den Latten, die es rechts und links stützten, waren Plakate angebracht, die ein blondes Engelchen zeigten, das mit gefalteten Händen vor einer brennenden Kerze schwebte. Es sollte wohl das Christkind darstellen, da darüber zu lesen war: „Rettet das Christkind!“

Eine ältere, rundliche Frau in Tracht stand hinter einem Biertisch, der mit Aufklebern und Foldern bedeckt war. Als sie mich entdeckte, hielt sie mir einen Stift hin: „Unterschreiben Sie auch! Der Weihnachtsmann hat auf unseren Märkten nichts verloren! Unser Kulturgut muss geschützt werden!“ „Entschuldigen Sie“, meinte ich, mich ihrem Stand nähernd, „wie kommen Sie darauf, dass das Christkind ein blondes Engerl sein kann? Meines Wissens war Jesus männlich, Orientale, müsste also etwa so aussehen, wie man sich heute den idealtypischen Türken vorstellt – Sie wissen schon, stark behaart, dunkel, stechender Blick, Schnauzer.“

Sie schnappte nach Luft. Ich verspürte große Lust, mich mit der Dame anzulegen. Den Ärger darüber, dass ich Linda verloren hatte, musste sie nun büßen. Sie maß mich mit abschätzigen Blicken. „Sie sind doch von der Zeitung, oder?“ Nun klärte sie mich darüber auf, dass sie schon wisse, auf welcher Seite wir stehen. Dürre und lustlose Meldungen über kirchliche Feste, kaum Beachtung für die Aktivitäten der Trachtenvereine, dafür ständig Lobeshymnen über Ausstellungen äußerst fragwürdiger Kunst. Sie wisse schon, woher das alles komme, und vor allem, wohin es führe.

Während ihres Lamentos besah ich mir das Propagandamaterial genauer. Da gab es Sticker in Form eines Fahrverbotszeichens, darin ein mit einem roten Balken durchgestrichener Weihnachtsmann. In einem Halbkreis darüber prangte der Text: „Wir glauben ans Christkind!“ Über der Unterschriftenliste war zu lesen, dass man ein völliges Verbot der Figur des Weihnachtsmannes in Medien und Werbung verlange. Daneben gab es kühne Artikel wie zum Beispiel einen Pro-Christkind-Keksausstecher, ein Silikonarmband mit der Aufschrift „Ich steh aufs Christkind“, sogar Tattoo-Vorlagen mit dem Vereinslogo, einem Kometen. Ich fragte mich, wer diesen Stand genehmigt hatte und warum die Dame, die ihn betreute, nicht schon längst verhaftet war. „Wissen Sie eigentlich, dass der Weihnachtsmann gestern ermordet worden ist?“, fragte ich sie. „Wozu stehen Sie heute eigentlich noch hier?“

Schrill konterte die Trachtlerin mit den üblichen Floskeln, was ich mir einbilde, wer ich denn überhaupt glaube, dass ich sei, und so weiter. Während sich ihr spektakulärer, lodenbedeckter Busen gefährlich hob und senkte, hatte sich eine kleine Gruppe Zuschauer angesammelt, die das Wortgefecht zu genießen schien. Offenbar durch den Lärm angelockt, trat ein weiterer Vertreter des Vereins „Pro Christkind“ aus dem Eingang des Rathauses und schritt an den Stand. Ich konnte es einfach nicht glauben: Es war Federmann – der gestern frisch und munter am Tatort herumspaziert war. Ich war nun so in Fahrt, dass ich direkt zum Angriff überging. „Sie haben ja Nerven, sich heute hier zu zeigen! Haben Sie vielleicht gestern den Weihnachtsmann abgestochen? Ich hab Sie dort gesehen!“, schleuderte ich ihm entgegen. Er blieb gelassen. „Scheubmayr, Sie sind genauso dumm wie damals, als ich das zweifelhafte Vergnügen hatte, Sie zu unterrichten. Nicht einmal eine ordentliche Ausbildung haben Sie nach der Matura geschafft. Schauen Sie, dass Sie weiterkommen!“

Seine gelassene Entgegnung schaffte es, mich einzuschüchtern. Anstatt schlagfertig zu reagieren, durchzuckten mich fürchterliche Erinnerungen an seinen Unterricht, seine Demütigungen, seine Wortspiele, die er mit unseren Namen getrieben hatte, seine Anspielungen auf körperliche Eigenheiten. Ich war für ihn „der Blade“ oder der „bescheuerte Scheubmayr“ gewesen. Als er für kurze Zeit die Schulleitung übernommen hatte, war das Klopapier aus den Toiletten verschwunden sowie ein Verbot erlassen worden, vor Unterrichtsbeginn das Licht einzuschalten. Seine rassistischen Rechenbeispiele waren legendär gewesen – ich erinnerte mich noch an eines, in dem die Leiche eines Missionars zu jeweils verschiedenen Teilen an Stammesmitglieder einer Kannibalensippe zu verteilen gewesen war. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer war er noch Gemeinderat, natürlich für das äußerst rechte Lager. Wahrscheinlich war das auch der Grund, dass er die Genehmigung erhalten hatte, seinen seltsamen Stand vor dem Rathaus aufzustellen.

„Ihr seid’s ja bloß billige Faschisten, alle miteinander, ihr Trachtenheinis!“, flüchtete ich mich in einen Argumentationsnotstand hinein, als sich von hinten eine Hand an meiner Jacke entlangschob und meinen Oberarm packte.

„Sie sollten sich wirklich schämen.“ Lindas Stimme. „Gestern erst dieses Verbrechen, und Sie betreiben heute da Ihre billige Propaganda, wo es doch hier um weihnachtliche Stimmung gehen sollte!“ Mein Auftritt hatte ihr anscheinend gefallen und mir Pluspunkte eingetragen, so dass sie mir zur Seite gesprungen war. Ich sah meine Chancen auf eine Nacht voller Zärtlichkeit im Steigen begriffen, was mir neuen Mut verlieh. Ich sammelte sämtliches verfügbares Informationsmaterial ein und stopfte es in meine Jackentasche. „Sie werden über Ihren komischen Verein noch in der Zeitung lesen, nächsten Donnerstag. Und glauben Sie bloß nicht, dass ich nicht mögliche Zusammenhänge zum Mord am Weihnachtsmann genauestens recherchieren werde!”

Von einigen Zuschauern hinter mir gab es verhaltenen Applaus, ich selber aber wagte es nicht einmal, Federmann in die Augen zu blicken. In diesem Moment holten mich wieder die Mordphantasien ein, die mich seinetwegen als Sechzehnjähriger manche Nächte hindurch verfolgt hatten.

Linda zog mich vom Stand weg. „Glaubst du wirklich, dass er mit dem Mord etwas zu tun haben könnte?“ Ich war wie geladen und erklärte Linda, während ich hastig entlang der Esplanade rannte und heftig gestikulierte, dass ich den Mann gestern am Tatort gesehen hatte und dass Linda doch selbst wüsste, was für ein gefährlicher Idiot er sei. In dem Moment war ich mir sicher, dass nur er den Weihnachtsmann getötet haben konnte – wer sonst? Dass die Polizei noch nicht auf ihn gekommen war! Wie konnte er noch frei herumrennen und fordern, den Weihnachtsmann zu stoppen?

Linda schien von meinem Zorn angenehm berührt. Sie drückte mich an sich und schien bereit, mir meinen Fehler von vorhin zu verzeihen. Je weiter wir hinaus in die Schnee- und Eislandschaft entlang des Sees wanderten, desto weniger Menschen begegneten wir, und als wir, ohne es wirklich geplant zu haben, am Schloss Orth ankamen, waren wir ganz alleine, denn die Ausstellung war wegen des Verbrechens heute geschlossen geblieben.

Wir traten auf die Brücke hinaus und setzten uns dem eisigen Wind aus. Der Schnee unter unseren Schuhen knirschte, und Linda versuchte meine Aufregung mit einem langen, feuchten Kuss zwischen Schals, Mützen und Handschuhen zu dämpfen. Es wurde dann noch ein schöner Abend. Ohne Alkohol, dafür aber mit Schokoladensoße, die ich von einer ganz besonderen Unterlage schlürfen durfte.

Am Montag wachte ich alleine auf, Lindas Dienst begann schon lange vor meinem. Ich machte mir eine Kanne Tee, rief meinen Chefredakteur an und erklärte ihm, dass ich erst später kommen würde. Ich wollte zuerst von zu Hause aus den Stand der Ermittlungen im Weihnachtsmannmord recherchieren, danach musste ich zur Witwe, um ein Foto des Dahingeschiedenen zu besorgen.

Bei der Polizei verlangte ich nach Robert Eisl, der mir aber nichts wirklich Interessantes mitzuteilen hatte. „Ungewöhnlich ist vielleicht, dass es für uns ganz schwierig war, den Tatort einzugrenzen. Der Mann dürfte mit einer ziemlich langen Klinge, einem Küchenmesser vielleicht, erstochen worden sein. Der Stich hat die Leber getroffen und eine innere Blutung ausgelöst. Nach außen hin war nicht viel zu sehen, er könnte noch minutenlang herumgegangen sein, ohne Blutspuren zu hinterlassen. Wäre er gleich behandelt worden, hätte er nicht zu sterben brauchen.“

Robert ließ sich keine Informationen über Verdächtige entlocken, außer dass die Ehefrau immer verdächtig sei. „Ist das eine Junge, Dunkelhaarige, Attraktive?“ „Ziemlich gut aussehend, und ein Typ, der im Schmerz noch schöner ist als sonst.“ Er hatte bereits mit ihr gesprochen.

Ich machte ihn auf den Stand des Vereins „Pro Christkind“ aufmerksam und auf die Tatsache, dass ich einen der Betreiber auch vorgestern am Tatort gesehen hatte. Robert seufzte. „Den haben wir schon gründlich überprüft, bis jetzt haben sich keine Anhaltspunkte ergeben. Aber im Ernst – solche Typen empören sich über jede Kleinigkeit maßlos, aber zustechen? Nein.“ „Ich würde mir wünschen, dass er es war. Ich hasse den Trottel, er war früher mein Mathematiklehrer.“

Die Adresse des Opfers stand im Telefonbuch. Er hatte in einer dieser Wohnanlagen gewohnt, die außerhalb des Stadtzentrums in den letzten Jahrzehnten alle Wiesen überwuchert hatten. Die wenigen Parkplätze waren besetzt, ich stellte mein Auto auf der recht schmalen Straße vor der Anlage ab. Beim zweiten Eingang fand ich den Namen Schöninger und klingelte. Nach wenigen Sekunden meldete sich eine Frauenstimme per Gegensprechanlage. Nun kam ein Moment, den ich hasste. Es gehört zu den widerlichsten Aufgaben eines Journalisten, Fotos von Unfall- und Verbrechensopfern zu besorgen. In diesen Momenten hasste ich mich selbst und meine Berufswahl.

„Frau Schöninger? Scheubmayr, von der Rundschau. Wir sind uns am Samstag …“ Kurz zögerte ich, ungewollt hatte ich sie an den Tod ihres Mannes erinnert, was mir jetzt reichlich pietätlos vorkam. Schon wieder im Fettnäpfchen. Aber ohne nachzufragen ließ sie den Türöffner summen. Ihre Wohnung war im ersten Stock, sie stand schon an der Tür und winkte mich hinein.

Eisl hatte Recht gehabt. Sie sah faszinierend aus. Man durfte sie durchaus als üppig bezeichnen, doch der Stress der letzten Tage hatte in ihrem Gesicht Noten von Abgehärmtheit und Melancholie zurückgelassen, die ihr ausgezeichnet standen. Ihre langen, dunklen Haare fielen offen über einen schwarzen Pullover, den sie wie den gleichfarbigen engen Rock trug, als sei das ihre Alltagskleidung. Haut- und Haarfarbe, Kleidung, alles spielte auf reizvolle Weise zusammen.

„Es tut mir leid“, quetschte ich hervor. „Erinnern Sie sich noch an mich? Ich habe kurz vor … vor …“ Schon wieder ein Tritt ins Fettnäpfchen.

Für meine Verlegenheit erntete ich ein etwas mitleidiges Lächeln. „Sie haben kurz vor dem Tod meines Mannes einen Krampus bei mir gekauft. Dabei haben Sie ein paar müde Scherzchen gemacht und hemmungslos mit mir geflirtet. Und jetzt wollen Sie eine Story von mir.“

Wieso lächelte die Frau, anstatt zu trauern? Sie ging voraus in ein geräumiges Wohnzimmer, das sehr konservativ eingerichtet war, rustikale Möbel fehlten ebenso wenig wie der röhrende Hirsch an der Wand. „Entschuldigen Sie. Der Geschmack meines Mannes.“

„Frau Schöninger, es tut mir wirklich sehr leid, was geschehen ist, aber ich möchte Sie trotzdem bitten, mir ein Foto Ihres Gatten zu überlassen. Es wird am Donnerstag in der Zeitung erscheinen. Ich hoffe, dass das kein Problem für Sie ist.“

Statt einer Antwort öffnete sie einen wuchtigen Schrank und holte ein Fotoalbum heraus. „Suchen Sie sich eines aus. Ich brauche keines mehr.“ Ich schaute verblüfft zu ihr auf. „Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich Ewald gehasst habe. Das habe ich schließlich alles schon gestern der Polizei erzählt. Er war ein Ekel. Die Fotos, die Sie nicht nehmen, die schmeiße ich weg, noch bevor er begraben ist.“ Ihre Offenheit machte mich völlig sprachlos.

„Die Polizei hat mir schon erklärt, dass ich sowohl Motiv als auch Gelegenheit gehabt hätte, meinen Mann zu erstechen. Allerdings haben sie keinen Beweis – und ein Dutzend andere Verdächtige, die ihn genauso gehasst haben wie ich.“ Langsam begann mich Ewald Schöninger zu interessieren. Einiges hatte ich ja gestern schon von Günther gehört, allerdings nicht ganz ernst genommen. Der Mann schien aber tatsächlich ein Fiesling allererster Güte gewesen zu sein.

„Und darf ich fragen, wer zum Beispiel einige seiner vielen Feinde gewesen sind?“ „Nehmen Sie, wen Sie wollen. Er hat die Lehrerin unseres Sohnes angezeigt. Die hat sogar ein Disziplinarverfahren angehängt bekommen – erst in zweiter Instanz ist es eingestellt worden. Sie war ein halbes Jahr wegen Depressionen in Krankenstand. Mit dem Nachbarn von der Tür gegenüber hat es erst vor ein paar Tagen einen Riesenstreit gegeben. Mein Mann hat die Zufahrt zum Haus mit einem Schranken absperren lassen und der Hausverwaltung erzählt, die Mehrheit der Miteigentümer wäre einverstanden. Am Donnerstag hat er dann einen Zettel aufgehängt, auf dem stand, dass Spielplatz und Sandkiste im Winter gesperrt würden, wenn die Kinder weiterhin mit Schneebällen werfen. Nur weil ein Schneeball unser Fenster getroffen hat. Der Nachbar war wutentbrannt, sie haben sich angeschrien, der Nachbar hat mit der Hausverwaltung gedroht, mein Mann mit der Polizei, beide haben einander Prügel und Schlimmeres versprochen. Jeder im Haus hat es gehört. Unser Nachbar war gestern schon stundenlang zur Einvernahme bei der Polizei.“

„Haben Sie eigentlich auch Kinder?“, fragte ich dazwischen. „Ja, ich habe Josef heute in die Schule geschickt, trotz der ganzen Affäre. Ich glaube, für ihn ist Normalität jetzt das, was er braucht. Soweit er das bisher gehabt hat.“ Wie sie das meinte, wollte ich wissen. „Unser Sohn durfte nicht mit den anderen Kindern draußen spielen, weil Ewald ja mit allen verfeindet war. Deswegen auch die Schneebälle gegen das Fenster.“

Ich fragte noch, ob sie einen Verdacht hätte. „Fragen Sie mich das nicht. Unser Nachbar war jedenfalls am Adventmarkt. Viele andere aus der Wohnanlage auch – ich bin ja mit niemandem verfeindet, und ich glaube, viele kommen deswegen zu meinem Stand, um mir zu zeigen, dass sie mir nicht übelnehmen, wie verrückt mein Mann ist – war.“

Ich konnte nicht widerstehen, als mir Frau Schöninger noch einen Schnaps anbot. Schon der erste Schluck lockerte meine Zunge auf unpassende Art. Ich erklärte der Witwe, wie überrascht ich sei, dass eine so wunderbare Frau wie sie an ein Ekel wie Schöninger geraten habe können. Diesmal lachte sie zynisch auf und erklärte mir, ich solle mich doch ein wenig mit Literatur über misshandelte Kinder beschäftigen, dann würde ich schon verstehen. Ratlos und knapp verabschiedet stand ich kurz darauf vor ihrer Tür.

Was hinderte mich daran, noch rasch den Nachbarn aufzusuchen? Ich klingelte, eine Frau öffnete. Schon bereute ich meinen Entschluss. Mir gegenüber stand eine schwer übergewichtige Dame mit kurz geschnittenem rotem Haar und weißen Leggins. Sie starrte mich mit unverhohlenem Misstrauen an. Ihr Mann sei in der Arbeit. Ich nannte meinen Namen und erwähnte den Tod von Schöninger. Daraufhin war das Stiegenhaus erfüllt von einer lautstarken, nicht enden wollenden Kaskade von Beschimpfungen, die sich ausnahmslos gegen den Verstorbenen richteten. Ihrer Gefühlslage nach musste sie die Mörderin sein, denn weder der Trachten-Mathematiker noch Frau Schöninger hatten so vor Hass gesprüht wie sie. Ich machte, dass ich davonkam, was die Tirade der Dame allerdings nicht zu beenden vermochte. Noch an der Haustür hörte ich sie schreien. Dass sie kein Gegenüber mehr hatte, das angekeift werden konnte, schien sie nicht zu stören.

Auf dem Weg zur Redaktion fielen mir zwei Dinge ein. Erstens, dass ich Linda fragen musste, ob sie die von Schöninger angegriffene Lehrerin kannte, und zweitens, dass ich die Wohnung ohne ein Foto des Opfers verlassen hatte.

In der Redaktion empfing mich mein Chef mit der Nachricht, dass der Fall wohl geklärt sei. Man habe einen Nachbarn des Ermordeten verhaftet. Er erzählte mir in etwa dieselbe Geschichte, die ich schon von Frau Schöninger kannte. Nun gut, ich musste also noch einmal zurück, um ein Foto zu besorgen, rief aber dennoch Linda an. Die Geschichte mit der Lehrerin interessierte mich trotz allem. Wie hatte es kommen können, dass aufgrund offenbar unsinniger Anschuldigungen ein Verfahren gegen sie stattgefunden hatte?

Ich hatte Glück: Linda hatte zwar beruflich keinen Kontakt mit der Lehrerin gehabt, kannte sie aber von einem Yoga-Kurs. Sie hieß Yvonne Gamsjäger und unterrichtete jetzt in der Volksschule Altmünster. Musste wohl ein Spross einer aufgeschlossenen Gosauer Familie sein – dort hieß jeder Zweite Gamsjäger, allerdings waren traditionelle Namen wie Anna oder Maria in der Überzahl. Yvonne war eindeutig ein Stilbruch.

Ich erkundigte mich in der Volksschule, wann Frau Gamsjäger Unterrichtsschluss hatte. Der Einfachheit halber stellte ich mich als Vater eines Schülers vor.

Um zehn nach zwölf stand ich vor dem Konferenzzimmer und fragte nach Frau Gamsjäger. Eine kleine, blonde, sehr jung aussehende Frau kam zur Tür und musterte mich ebenso erstaunt wie skeptisch – sie hatte wohl damit gerechnet, einen ihr bekannten Vater anzutreffen. Ich bat, sie unter vier Augen sprechen zu dürfen, und sie ging mit mir quer über den Gang, sperrte eine Tür zu einem Besprechungsraum auf und deutete auf einen Sessel.

„Frau Gamsjäger“, begann ich, „ich bin kein Vater, ich bin von der Rundschau.“ Ihr Körper spannte sich an, ihr Blick wurde steinern. Ich hasste es, Frauen wie ihr wehzutun, und versuchte abzuschwächen: „Bitte, regen Sie sich nicht auf, es gibt nichts, was ich Ihnen tun könnte oder wollte. Es ist nur – ich recherchiere im Fall Schöninger, Sie wissen sicher, der Mord. Und ich habe gehört, dass Sie von dem Mann in ganz gehörige Schwierigkeiten gebracht worden sind.“ Sie begann zu zucken und gleich darauf zu schluchzen. Instinktiv nahm ich ihre Hand und begann, sie zu streicheln.

„Glauben Sie mir, nach allem, was ich bisher weiß, waren Sie ein Opfer. Der Mann hat sich mit jedem angelegt. Ich möchte ja nur ein paar Hintergründe wissen, was damals passiert ist.“ Sie hob wieder den Kopf, ohne ihre Hand zurückzuziehen. „Ich möchte darüber nicht reden. Heute war schon die Polizei hier. Was glauben Sie, was das für mich bedeutet, wenn mich die ganze Geschichte wieder einholt, wenn die Polizei in der Schule nach mir fragt?. Und dann auch noch Sie. Ich will nicht in der Zeitung vorkommen.“

„Warum ist die Polizei hier gewesen?“, fragte ich so unschuldig wie möglich. Ihr Schluchzen ging fast nahtlos in etwas über, das man als Wimmern bezeichnen konnte. Ich streichelte weiter ihre Hand. Nach vielleicht einer Minute hatte sie sich so weit gefangen, dass sie mit mir sprechen konnte. Ich war von ihren großen, feuchten Augen fasziniert und drückte ihre Hand etwas fester.

„Ich war doch dort, am Adventmarkt. Ich habe mit dem Chor von unseren Schulkindern ein paar Lieder gesungen, und direkt vor meinen Schülern ist der Weihnachtsmann zusammengesackt! Ich bin mit den Kindern so schnell wie möglich weg, weil ich doch geglaubt habe, dass der betrunken ist, ich dachte, das kann man doch den Kindern nicht zumuten, einen besoffenen Weihnachtsmann!“ Ihr Make-up war inzwischen völlig verschmiert, sie kramte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche. „Und jetzt glaubt die Polizei natürlich, dass ich mich rächen wollte.“

Ihre Tränen strömten nun ungehemmt. Ich fühlte mich ganz scheußlich dabei, eine so zart erscheinende Frau in diese Lage gebracht zu haben. Ich setzte mich neben sie, nahm sie in die Arme und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Sagen musste ich nichts, ich strich ihr nur beruhigend über den Kopf. Sie zog sich nicht zurück, entspannte sich aber langsam. Ihr warmer Körper zuckte ein wenig an meinem. Ich fand mich sehr gut als Tröster der unschuldig Verfolgten.

Dann erklärte ich ihr, dass sie wohl nicht mehr verdächtigt werde, denn ein Nachbar des Ermordeten sei bereits verhaftet worden. Sie löste sich von mir. „Wirklich?“, fragte sie, wieder ein wenig gefasster.

Ich sah keine Notwendigkeit, ihr weitere Informationen zu entlocken. Vielmehr nahm ich mir vor, mir den Namen Yvonne Gamsjäger im Gedächtnis zu behalten, sollte die Beziehung zu Linda ein unerwartetes Ende nehmen.

Damit war die Sache wohl abgeschlossen. Ich nahm mir vor, noch persönlich bei der Polizei vorbeizufahren, um herauszufinden, ob eine Pressekonferenz geplant war oder ob ich mich selbst um die restlichen Details für meine Story würde kümmern müssen.

Auf dem Weg bog ich dann aber rechts zum Schloss Orth ab. Mir war da so eine Idee gekommen, der ich noch nachgehen wollte. Ich parkte mein Auto im Halteverbot und klemmte das Schild „Arzt im Dienst“, das ich vor Jahren auf einem Parkplatz gefunden hatte, hinter die Scheibe. Auf der Brücke wehte der gleiche eiskalte Wind wie vor zwei Tagen. Die Bilder des toten Weihnachtsmanns und des Kusses von Linda überlagerten sich in meinem Gehirn, als ich darüberschritt. Ich ging am Ufer entlang um das Schloss herum, um abzuschätzen, wo genau die Räume lagen, in denen die Adventausstellung stattgefunden hatte. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich ein Fenster als jenes identifizieren konnte, das direkt neben dem Bäckerstand von Frau Schöninger gelegen hatte. Ich drehte mich um und blickte auf den See hinaus, über dem die Schneeflocken waagrecht einherzutreiben begannen.

Eine halbe Stunde später klingelte ich nochmals an der Wohnungstüre von Schöninger. Die Witwe schien überrascht, mich so schnell wiederzusehen, bat mich aber wiederum hintergründig lächelnd in ihre Wohnung. „Das Foto. Ich hab’s vergessen.“ Verlegen zuckte ich mit den Schultern. „Das Fotoalbum liegt noch auf dem Tisch.“

Im Wohnzimmer bot sie mir mit einer Handbewegung einen Stuhl an. Als sie sich mir gegenübersetzte, blieb mein Blick zu lange an ihren Beinen hängen, die sie übereinanderschlug und dadurch die Aussicht auf wohlgeformte Oberschenkel freigab. Ich fühlte mich ertappt, als sie an ihrem Rocksaum zupfte. Aus Verlegenheit zog ich rasch das Fotoalbum an mich und begann zu blättern. Nicht nur wegen ihrer Beine schoss mir die Hitze in den Kopf, auch deswegen, was ich nun gleich sagen wollte.

„Frau Schöninger“, fing ich an und brauchte gleich wieder eine Pause. „Sagen wir mal, wenn jetzt, nur theoretisch, ein paar Taucher den Seegrund absuchen würden, vor dem Fenster bei Ihrem Stand.“ Sie stützte ihr Kinn auf ihren Arm und wich meinem Blick nicht aus. Ich musste den meinen abwenden, um weitersprechen zu können. „Könnte es dann sein, dass sie dort ein Messer finden, vielleicht jenes, mit dem Sie so eindrucksvoll große Brotlaibe durchschneiden?“

Was hatte ich erwartet? Dass sie weinend zusammenbrechen und mich händeringend darum bitten würde, niemandem etwas zu verraten? Sie reagierte überhaupt nicht, und schon wollte ich meine Provokation als dummen Scherz abtun, als sie aufstand und sagte: „Warten Sie einen Moment.“

Als sie hinter mir vorbeiging, nahm ich nichts als eine rasche Bewegung wahr, bevor ein Knall und ein bohrender Schmerz meinen Schädel durchdrangen und ein grüner Splitterregen rund um mich niederhagelte. Danach wurde es dunkel und still.

Als ich wieder wach wurde, lag ich auf dem Rücken und hatte keine Ahnung, wo ich mich befand. Eine Hand mit einem feuchten Waschlappen strich mir über Stirn, Wangen und Lippen. Mühsam fasste ich nach meinem Kopf und stellte fest, dass die Haare feucht und verklebt waren. Wovon bloß? Jede Bewegung löste unsägliche Kopfschmerzen aus, die wie Dolche durch meinen Schädel drangen. Einen so schlimmen Kater hatte ich noch nie gehabt.

Plötzlich hörte ich jemanden schluchzen, konnte mich aber um nichts in der Welt dazu entschließen, den Kopf zu drehen, um herauszufinden, wer es war. War ich auf der Intensivstation? Linda? Meine Mutter? War ich im Begriff zu sterben? Hatte ich einen Unfall gehabt? Ich konnte mich an gar nichts erinnern.

„Wie lange bin ich schon im Krankenhaus?“, krächzte ich, mühsam und unter Schmerzen. Ein Gesicht schob sich in mein Blickfeld. Ein verheultes Gesicht. Das Gesicht einer Frau. Einer schönen Frau. War das Linda? Nein. Linda hatte hellere Haare, vollere Wangen. „Es tut mir so leid!“, schluchzte sie.

Mir dämmerte es. Das war Frau Schöninger. Aber wie kam sie zu mir ins Krankenhaus? Nochmals streichelte sie mit einem Waschlappen mein Gesicht. Ich hörte so schlecht. Als ich mit der Hand nach meinem Ohr suchte, fand ich es von einem dicken Verband verhüllt. Hatte sie mich verbunden? Weswegen? War ich im Rausch gestürzt?

Ich konnte meine Umgebung nun ein wenig besser wahrnehmen und merkte, dass ich auf einem Sofa lag. Vor mir ein Fernseher. Plötzlich die Türklingel. Ich stöhnte auf. Das Klingeln war wie eine Kreissäge mitten durch meinen Kopf. Frau Schöninger stand auf und ging weg. Jetzt klopfte es auch noch. „Polizei! Machen Sie auf!“ Und sie öffnete. Ich hörte die Stimme von Robert Eisl. „Frau Schöninger, wir müssen Sie vorläufig festnehmen, Sie stehen im Verdacht, Ihren Mann getötet zu haben.“

Langsam fügte sich das Bild der vergangenen Stunden wieder zusammen. Plötzlich Stille, dann Schritte. „Und wen haben wir denn da?“ Eisl schob sich grinsend in mein Blickfeld. „Das ist ja entzückend. Ist das der Komplize, vielleicht sogar der gedungene Messerstecher? Das ist ja kaum zu glauben. Treibt sich am Tatort herum, spielt den Reporter, flirtet mit der Verdächtigen – du kannst die Klappe halten, dafür gibt’s Zeugen! –, und dann finden wir ihn auch noch bei der Verhaftung im Bett der Witwe. Na servas!“

Mir fehlte jede Kraft, irgendwelche Erklärungen abzugeben. Nicht einmal den Unterschied zwischen einem Wohnzimmersofa und einem Schlafzimmerbett wollte ich jetzt unbedingt thematisieren. Ich wollte nur, dass der Lärm aufhörte. Eisl zog mich hoch und wies einen Uniformierten an, mir Handschellen anzulegen. Als er meinen Verband sah, nickte er anerkennend. „Streit ums Honorar? Ums Erbe? Kommt in den besten Kreisen vor. Abführen.“ Ich fragte mich, ob ich Weihnachten heuer zu Hause verbringen würde.

Diese und viele weitere spannende Geschichten sind ab 29. Dezember in Buchform erhältlich: Herbert Dutzler: Bär im Bierkrug, Gott und Teufel


 

Dutzler_Foto_Julian Dutzler_quHerbert Dutzler, geboren 1958, aufgewachsen in Schwanenstadt und Bad Aussee, lebt als Lehrer und LehrerInnenbildner in Schwanenstadt – und ist mit seinen Krimis um den liebenswürdigen Altausseer Polizisten Gasperlmaier Autor einer der erfolgreichsten österreichischen Krimiserien.

Bisher erschienen bei HAYMONtb die ersten fünf Fälle: „Letzter Kirtag“ (2011), „Letzter Gipfel“ (2012), „Letzte Bootsfahrt“ (2013), „Letzter Saibling“ (2014) sowie zuletzt „Letzter Applaus“ (2015).

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