Foto- Friedi Kühne

Baumgartner am Hochseil oder: Die Kunst, tief in den Abgrund zu blicken

Der Krimiautor Reinhard Kleindl balanciert als Profi-Slackliner über tiefe Schluchten und zwischen Wolkenkratzern, wenn er nicht gerade Bücher schreibt. Tiefere Abgründe tun sich allerdings beim Schreiben auf.

Zwischen zwei Hochhäusern schwebend ist er sich selbst am nächsten. Manche seiner Geschichten träumt er nachts. Und wenn man in 100 Metern Höhe an einem Seil balancierend lang genug in die Gischt der Viktoriafälle blickt, blickt der Abgrund eines Tages auch in einen hinein.

Reinhard Kleindl macht das Beste daraus. Geschult am Anblick tiefer Felsspalten und Häuserschluchten scheint er uns zuzurufen: Bloß nicht hinunterblicken! Doch dem Krimihelden Inspektor Baumgartner geht’s wie seinem Schöpfer: Ihn zieht es zu den Abgründen und wegsehen – das kann er nicht. Oft auf Kosten seiner eigenen Gesundheit. Ein Drahtseilakt.

Wegsehen – das können auch wir nicht. Der Sog der Leere, des Abgrunds zieht auch uns in seinen Bann, unerbittlich reißt uns die Geschichte mit – auch in Kleindls neuestem Werk – diesmal ganz ohne den Grazer Chefinspektor.

„Nach einem Traum“

Sieben Freunde ziehen sich in „Du siehst ihn nicht“ in die Ödnis des griechischen Hinterlands zurück, um ein Theaterstück einzuüben. Nachdem einer von ihnen verschwindet, nimmt der Horror seinen Lauf. Vermeintlich unverrückbare Gewissheiten lösen sich in nichts auf. Erschreckend wenig braucht es, bis aus einem gemeinsamen Aufbäumen ein Kampf ums Überleben des Einzelnen wird. Alle gegen alle.

„Wie gut kennst du deine Freunde wirklich?“

„Würdest du dich für sie opfern?“

„Würdest du skrupellos deine Haut retten?“

Diese Fragen werden bei dem aufwühlenden Psychothriller aufgeworfen und man ahnt es: Sie lassen uns in schwindelerregende Tiefen blicken. Ganz egal, wer es ist, der vor der baufälligen Hütte im griechischen Hinterland sein Unwesen treibt: der wahre Horror lauert tief in uns drin.

Wie kommt man auf solche Geschichten? Reinhard Kleindl hat darauf eine einfache Antwort: Die Story um das unheimliche Haus in der griechischen Ödnis hat er geträumt. Alptraumhaft und unheimlich, so liest sich der Thriller auch, die abgründige und erschütternde Geschichte spielt in einer düsteren Atmosphäre, die man so schnell nicht mehr vergisst.

Baumgartner am seidenen Faden

Schritt für Schritt setzt Reinhard Kleindl einen Fuß nach dem anderen auf das drei Finger breite Seil aus Polyamid. Gleichmäßig, geduldig, geschmeidig nähert sich der Slackliner dem Ende der Highline. Erschütterungen werden durch kurzes Innehalten ausgestanden – so sieht es für einen Außenstehenden zumindest aus.

Ganz anders laufen die Dinge bei Chefinspektor Baumgartner, dem Ermittler aus den Krimis von Reinhard Kleindl. So mühelos und zielstrebig Kleindls Schluchtenquerungen scheinen, so turbulent, unstet und komplex sind die Wege seiner Protagonisten oft. Wäre das Leben eine Slackline, Baumgartner würde wohl ständig am Sicherungsseil baumeln. Oder mit verstauchtem Knöchel im Gras liegen.

„Aus der Bahn geworfen“, Franz Baumgartner passiert das oft. Zu sensibel, zu prinzipientreu, manchmal einfach zu stur ist der kluge, doch verhängnisvoll idealistische Inspektor für diese Welt, deren unerträgliche Ungerechtigkeit er nicht ertragen kann. Loslassen, treiben lassen, mit einer Flasche Rotwein an den Autopiloten übergeben, in der Versenkung verschwinden … Der Drang, sich einfach fallenzulassen, holt Baumgartner oft ein.

Und doch lässt sich Baumgartner nicht abbringen, taucht immer wieder auf, schwingt sich immer wieder empor. Die Slackline würde er wohl auch an allen Vieren baumelnd bezwingen. Koste es, was es wolle. Für einen etwas schrulligen Gerechtigkeitsfanatiker in altmodischen Jacketts, wie ihn Kleindl beschreibt, bietet er überraschende Energien auf, wenn es darum geht, einen Fall zu lösen.

Vertigo

Und so gefährlich und destabilisierend die seelischen Abgründe für Baumgartner auch sind, denen er Tag für Tag begegnen muss – abwenden kann er sich nicht. Er muss einfach hinsehen, er kann nicht anders. Er wird davon angezogen wie Reinhard Kleindl, der Slackliner, von den topografischen Tiefen und Häuserschluchten.

Riskieren Sie mit „Du siehst ihn nicht“ einen Blick in die Abgründe der eigenen Seele oder folgen Sie Baumgartner in die Niederungen der Grazer Unterwelt. Düster und schwindelerregend geht es dort zu und vor allem: spannend bis zur letzten Sekunde.


 

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Foto: (c) Jakob Isselstein

Reinhard Kleindl

Reinhard Kleindl, geboren 1980 in Graz, studierte Theoretische Physik und veröffentlichte schon früh Kurzgeschichten. Nach Abschluss des Studiums begann er, als freier Wissenschaftsjournalist zu arbeiten, und kam bald darauf mit dem Trendsport „Slackline“ in Kontakt. Inzwischen ist er Profi und realisiert Projekte rund um den Globus, etwa über den Victoria Falls oder auf den Drei Zinnen in Südtirol. Nach seinem Krimidebüt „Gezeichnet“ (HAYMONtb, 2014) ist „Baumgartner und die Brandstifter“ der zweite Fall in der Krimiserie um den Grazer Inspektor.
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