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Old, but Polt. Auf einen Veltliner mit dem Kultgendarmen

Foto: © Michael Himmel

Foto: © Michael Himmel, mit freundlicher Genehmigung der Initiative Pulkautal

„Grenzenlos gutmütig und harmoniebedürftig. Aber mutig und nicht mehr aufzuhalten, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat zu tun, was getan werden muss. Wenn er jemanden mag, schätzt oder gar liebgewinnt, bleibt er dabei, auch wenn es schwierig werden sollte. Isst und trinkt und liebt fürs Leben gerne. Ruht in sich selbst, und es ist klüger, daran nicht zu rühren.“

Seit 18 Jahren ermittelt Simon Polt nun schon in den verwinkelten Kellergassen des Weinviertels. Unter der Feder Alfred Komareks hat der liebenswerte Gendarm wider Willens Gestalt angenommen. Unser Interview mit dem Autor gewährt tiefe Einblicke in die mal gutmütige, mal eher störrische Gemütslage des Dorfpolizisten.

Folgen Sie uns. Auf ein Glas selbstgekelterten Veltliner, in einem gewissen Presshaus im Wiesbachtal. Dort, wo der Wein noch aus echten Holzfässern kommt, fernab von der „Weinlauntsch“ und den „siebengscheiten Bemerkungen von ein paar dahergelaufenen Weinkennern“. Dort, wo im Licht einer flackernden Kerze die Welt ganz anders aussieht und wo Polt, mittlerweile pensioniert, gemütlich seinen Gedanken nachhängt.

Melancholisch und langsam geht es hier zu. Und doch macht das Verbrechen keinen Halt vor der verschlafenen Burghofer Kellergasse.
Zwischen Gesetz und Gerechtigkeit, zwischen den „Lokeischns“ und Vereinslokalen, zwischen Weltoffenheit und Dorfdünkel muss noch Zeit für ein Gläschen sein. Für einen echten Grünen Veltliner aus Polts Weinheber.

Beim Lesen Ihrer Bücher tritt einem Simon Polt wie ein Mensch aus Fleisch und Blut aus den Seiten heraus entgegen. Wie sind Sie eigentlich auf diese Romanfigur gestoßen?

Als ich damit begonnen habe, über die literarische Figur eines Gendarmen im Weinviertel nachzudenken, lagen schon gut zwei Jahre Leben, Mitleben, Erleben und Beobachten im Weinviertel hinter mir. Für einen Fremden, einen allmählich vertrauten Gast in einer Region gehört insistierende Neugier ganz einfach dazu.

Auch mit der Gendarmerie hatte ich immer wieder zu tun. Das lag weniger an meiner kriminellen Energie als daran, dass ich viele Jahre einen 2 CV, also eine Ente fuhr – oder eben nicht fuhr. Bei Nässe oder Kälte – und somit recht häufig – verweigerte dieses Auto nämlich den Dienst. Da half auch die wohlweislich angeschaffte Handkurbel nicht, das unwillige Gefährt musste angeschleppt werden. Letzteres besorgte relativ häufig ein Gendarm mit seinem Streifenwagen – und dieser Gendarm hieß Polt. Der Name war allerdings das Einzige, was er (von der Hilfsbereitschaft abgesehen) mit der späteren Romanfigur gemeinsam hatte. Aber der Name gefiel mir: prägnant, aber nicht aufdringlich, und vom Klang her ein sanfter Schuss.

Später ist mir dann noch mehr und mehr dieser für ländliche Gegenden so typische Zwiespalt aufgefallen: Die Pflicht zu Amtshandlung im Widerstreit zum Dienst an der Dorfgemeinschaft.

Oft hat man das Gefühl, der Beruf als Gendarm sei für Simon Polt mehr Last als Lust, die Uniform eine Bürde, die er gern ablegt, sobald er darf. Warum hat er diesen Berufsweg überhaupt eingeschlagen?

Weil ihm nichts anderes übrig blieb. Sein Vater, Heinrich Polt, ist als Landwirt gescheitert. Damals, in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, war das Wiesbachtal eine ärmliche Gegend dicht an der bedrohlichen Grenze zu Tschechien. Für jemanden, der sich nur auf sein bäuerliches Handwerk verstand, blieben kaum mehr als irgendwelche Hilfsarbeiten, um über die Runden zu kommen.

Der junge Simon Polt hätte damals gerne Lehrer werden wollen. Aber es war einfach zu wenig Geld für die Ausbildung da. Immerhin konnte der Vater den Wunsch seines Sohnes nach einer sinnvollen Aufgabe in der Dorfgemeinschaft verstehen. Die Ausbildung zum Gendarmen bot sich als finanziell gerade noch mögliche Alternative an. Vermutlich war der kleine Simon nicht gerade begeistert, aber doch ganz zufrieden damit.

Als Gendarm steht Simon Polt für das Recht, als Mensch für die Gerechtigkeit. Als Gendarm vertritt er das Gesetz, als Mensch das, was er für richtig hält. Dieser Zwiespalt begleitet Simon Polt stetig – wie geht er damit um? Wie löst er die Widersprüche auf?

In den ersten Jahren als Gendarm hat Polt diesen Widerspruch seufzend hingenommen, auch die sich schmerzlich vertiefende Erkenntnis, dass sein Beruf als Gendarm trotz allen Bemühens, verständnisvoll vorzugehen und Widerstände auszugleichen, nicht zu ihm passte. In „Polt muss weinen“ kulminiert diese Entwicklung in einem Schock. Seit damals tut es wirklich weh, wieder einmal tun zu müssen, was er nicht tun will. Polt wird noch eigensinniger und störrischer, als er es ohnehin schon war, und er erkennt schließlich, dass sich seine Eigenmächtigkeit nicht mehr mit seinem Beruf vereinbaren lässt. Er entledigt sich schließlich, in „Polterabend“, der Uniform – nicht aber seiner Verantwortung für die Menschen ringsum.

Polt radelt wieder (c) F.Enzmann

Polt radelt wieder. Foto: © F. Enzmann, mit freundlicher Genehmigung der Initiative Pulkautal

Der Simon Polt, den wir in seinen Romanen kennenlernen, ist Junggeselle – ein ganz klassischer noch dazu. Warum eigentlich? Hat er kein Bedürfnis nach einer Gefährtin an seiner Seite? Würde eine Frau die behagliche Ordnung seines Alltags durcheinanderbringen? Oder ist er einfach zu schüchtern?

Polt ist nicht schüchtern. Er sucht ja oft und unbefangen die Nähe zu Frauen, wenn es sich ergibt. Die Frauen im Dorf sind es auch, die ihm helfen, wenn er mit seiner klugen, aber einfach gestrickten Weltsicht wieder einmal nicht mehr weiterkann. Aber Polt muss seit jeher mit einer gewissen Distanz zur – von ihm so sehr geschätzten – Dorfgemeinschaft leben. Er ist das einzige Kind eines Weinbauern, der Hab und Gut verkaufen musste, und einer Mutter, bei der man sich nicht einmal die Mühe macht, schlecht über sie zu reden. Familien, die es nicht fertig bringen, wenigstens den äußeren Schein zu wahren, gehören im Dorf nur am Rande dazu, werden gering geachtet.

Als Gendarm ist Polt dann zwar mit einer gewissen Autorität ausgestattet, doch auch die ist nur eine obrigkeitliche Leihgabe und hat den üblen Geruch der Willkür an sich. Polt hat also genug damit zu tun, sich als aufrechter, aufrichtiger Mann zu beweisen, der wenigstens versucht, seinen Beruf anständig auszuüben. Das tut er unverdrossen, tapfer und oft genug im Zwiespalt mit sich selbst. Einer wie er, ist Polt zutiefst überzeugt, sollte den Frauen als Partner besser erspart bleiben. Also richtet er es sich behaglich ein in seinem Junggesellen-Leben. Das gelingt ihm so gut, dass er an seiner Eignung zur Zweisamkeit auch dann noch zweifelt, als Karin Walter immer wichtiger in seinem Leben wird. Eines Tages zwingt ihn dann sein Beruf in einen bösen Streit mit der Lehrerin, und das bestätigt seine Befürchtungen.

Später dann tritt mit Karin Walter doch noch eine Frau in Polts Leben. Ist sie, die zielstrebige, moderne, offene Frau, die ideale Ergänzung zum oft zögerlichen, zurückhaltenden Polt? Oder ist sie – auch eine Art von Außenseiterin im Dorf, unangepasst und eigensinnig – eher eine Seelenverwandte?

Natürlich sind beide dörfliche Sondererscheinungen, haben also zumindest etwas gemeinsam. Auch spüren, ahnen, wissen beide, dass sie bei aller Verschiedenheit verblüffend gut zusammen und ineinander passen – so wie zwei Teile eines Puzzles. Andererseits weiß Polt sehr gut, dass es um zwei Lebenswelten geht, die nicht allzu viele Berührungspunkte miteinander haben, dass er für intensiv und alltäglich gelebte Zweisamkeit wenig Begabung mitbringt und Karin Walter seiner schlicht möblierten Welt irgendwann überdrüssig werden könnte. Aber Polt ist, wie viele Männer, auch ein großes Kind und darf hoffen, dass die Lehrerin Karin Walter nie aufhören wird, diesen Umstand pädagogisch reizvoll zu finden.

Von Roman zu Roman wird die Liaison zwischen Simon Polt und Karin Walter ein wenig enger – wenn auch in kleinen, sehr vorsichtigen Schritten. Was ändert sich dadurch für Simon Polt? Und wie verändert er sich selbst?

Simon Polt entdeckt neue Farben, Konturen, Bilder in sich, die ihn verwirren und betören, die ihm aber auch Angst machen. Bisher kannte er sich recht gut aus in sich und in der Welt um ihn, fand sich auch mit geschlossenen Augen zurecht. Jetzt ist er sich selbst zu einem Rätsel geworden, das er nicht lösen kann und nicht lösen will, oder zu einem Wunder, an das er kaum zu glauben wagt. Andererseits erfährt er zum ersten Mal in seinem Leben, dass er für jemanden wichtiger ist als alles andere auf der Welt. Das versteht er zwar nicht, aber er nimmt zur Kenntnis, dass er in irgendeiner Weise wertvoll und beachtenswert sein muss. Das macht ihn selbstbewusster und sicherer.

Manchmal wirkt Simon Polt ein bisschen aus der Zeit gefallen; einen „altmodischen Menschen“ nennt ihn Karin einmal. Hat sie recht damit?

Ein bisschen? Polt ist ein Fossil, von einer erschreckend rasch schwindenden Gruppe weiterer Fossilien umgeben. Er ist in einer festgefügten Welt aufgewachsen: das Dorf als Schicksalsgemeinschaft mit strengen, aber auch beruhigend verlässlichen Regeln, die Kellergasse als Arbeitswelt, die auch eine trunkene Gegenwelt zur dörflichen Ordnung ist – aber auch hier ist nicht alles erlaubt. Über Jahrzehnte hinweg hat sich dieser Lebensraum – nicht zuletzt durch den Mangel an Perspektiven im stillen, allzu stillen Land an der Grenze – kaum merklich geändert. Seit ein paar Jahren ist der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten. Aber Polt weigert sich stur, mit der Zeit zu gehen. Möge die Zeit doch gefälligst mit ihm gehen.

Wenn Sie Simon Polt in ein paar Stichwörtern charakterisieren sollten – wie würde so ein Porträt aussehen?

Gutmütig und harmoniebedürftig bis an die Grenze zur Dummheit. Gefährlich, mutig und nicht mehr aufzuhalten, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat, mit aller Kraft und Zähigkeit zu tun, was getan werden muss. Wenn er jemanden mag, schätzt oder gar liebgewinnt, bleibt er dabei, auch wenn es schwierig werden sollte. Ablehnung, Verachtung oder gar Feinschaft spricht er offen aus. Isst und trinkt und liebt fürs Leben gerne. Ruht in sich selbst, und es ist klüger, daran nicht zu rühren.


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Foto: János Kalmár

Alfred Komarek

Alfred Komarek, geboren 1945 in Bad Aussee, lebt als freier Schriftsteller in Wien, schreibt u.a. Reisereportagen, Essays und Erzählungen sowie Arbeiten für Hörfunk und TV (ORF, BR, HR). Zahlreiche Bücher, darunter mehrere Landschaftsbände, u.a. über das Salzkammergut, das Ausseerland, das Weinviertel, das Ötztal, die Lagune von Venedig. Kinderbücher und vier inzwischen verfilmte Kriminalromane um Inspektor Simon Polt. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Glauser-Preis für den besten Krimi 1998 und Romy für das beste Drehbuch 2002 (gemeinsam mit Julian Pölsler) für „Polt muß weinen“. Bei Haymon zuletzt erschienen: die Daniel-Käfer-Romane „Die Villen der Frau Hürsch“. Roman (2004, HAYMONtb 2014), „Die Schattenuhr“. Roman (2005), „Narrenwinter“. Roman (2006), „Spätlese“. Texte aus vier Jahrzehnten (2007), „Doppelblick“. Roman (2008), „Polt.“ Kriminalroman (2009, ausgezeichnet mit dem Goldenen Buch für über 25.000 verkaufte Exemplare), „Zwölf mal Polt“ (2011), „Polt – Die Klassiker in einem Band“ (2012), die Bände „Semmering“ und „Wachau“ in seiner Reihe „Österreich von innen“ (2012), bei Haymon Taschenbuch neu aufgelegt „Blumen für Polt“, „Himmel, Polt und Hölle“, „Zwölf mal Polt“ (2013) und „Polt muß weinen“ (2015) sowie zuletzt der neueste Polt-Roman „Alt, aber Polt“ im Hardcover (2015). http://www.alfred-komarek.at