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Eine kriminell spannende Zeitreise ins Österreich der Zwischenkriegszeit

Was wissen Sie eigentlich über die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen? Nicht viel? Schade eigentlich. So ging es uns bis vor Kurzem auch. Vielleicht haben Sie in der Schule etwas gehört über Austrofaschismus und Ständestaat, Dollfuß und Schuschnigg, Schutzbund und Heimwehr. Doch ansonsten wird die Zeit vor Hitlers Machtübernahme sträflich vernachlässigt – und dabei ist es eine Zeit voller prägender Umbrüche, die die weitere Entwicklung Österreichs maßgeblich mitbestimmt hat.

Der Historiker und Archivar Thomas Buchner nimmt Sie in seinem neuen Kriminalroman „Der Fall Schinagl“ mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1935 und lässt das alte Linz wiederauferstehen.

Kurt Schuschnigg. Credit: Agence de presse Meurisse‏ [Public domain], via Wikimedia Commons

Kurt Schuschnigg. Credit: Agence de presse Meurisse‏ [Public domain], via Wikimedia Commons

Seit einem Jahr ist in Österreich der Austrofaschismus das geltende Herrschaftssystem. Nachdem 1934 Dollfuß bei einem nationalsozialistischen Putschversuch ermordet wurde, ist nun Kurt Schuschnigg Bundeskanzler – allerdings trügt die Bezeichnung, lässt sie doch Demokratie vermuten, wo in Wahrheit Diktatur herrscht. Die parlamentarische Kontrolle ist seit 1933 völlig ausgeschaltet, es gilt des weiteren Versammlungs- und Aufmarschverbot. Den Mund macht man besser nicht zu weit auf, weder als private Person noch als öffentliche, denn: Opposition ist nicht erwünscht. Die Nazis gewinnen auf diesem Nährboden an Einfluss – aber auch das nur im Untergrund, denn die anderen Parteien sind spätestens seit den Kämpfen im Februar 1934 verboten, die Arbeiterbewegung niedergeschlagen. Es herrscht allein die Vaterländische Front – Österreich ist nicht mehr Republik, sondern Bundesstaat, und zwar ein totalitärer.

Die Zeit scheint rückwärts zu laufen: Ideologisch orientiert sich der Austrofaschismus am christlichen Ständestaat und sympathisiert mit Mussolini. Klassenkampf lehnt er ab, ebenso allerdings die Nationalsozialisten, auch wenn er die Hinwendung zu einem einzelnen Führer teilt. Wahlen gibt es nicht mehr, das Frauenbild entwickelt sich wieder zurück zur Idealisierung von Hausfrau und Mutter.

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Schutzbündler Credit: Bundesarchiv, Bild 102-00839. CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

In den Gefängnissen sitzen Nationalsozialisten, Sozialdemokraten, Kommunisten und Anarchisten – kurz: jeder, der anders denkt. Auf Aufruhr steht die Todesstrafe.

Die Menschen sind verunsichert. Sie kämpfen noch mit den Folgen des Ersten Weltkrieges, unter der Oberfläche brodeln Kriegstraumata, Rivalitäten zwischen Veteranen und Unsicherheit. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, Kriegsversehrte haben es schwer – wie etwa der Schulwart Leibenfrost in Buchners Kriminalroman:

„Im Krieg, dem er trotz aller Bemühungen doch nicht entkommen war, hatte er einen Arm verloren, und heute musste man froh sein, ein Auskommen zu haben. Er konnte es sich aber nicht verkneifen, gelegentlich, wenn er den Hof kehrte, die Melodie des alten ‚Proletarierlieds‘ zu pfeifen. Früher hatten sie es lauthals gesungen.“

Ein jeder scheut sich, offen seine Meinung zu sagen, und wahrt nach außen hin den Schein des braven Bürgers. Innerlich jedoch plagt so manchen die Angst um die Zukunft, die eigene und die des Nachwuchses. So etwa Frau Steininger, die die Begeisterung ihres Mannes für das Militär nicht teilen kann, noch weniger dessen Ansinnen, den Sohn dort unterzubringen:

Erstens schien ihr das Militär eine recht sinnlose Sache zu sein, weil, wie sie stets betonte, der letzte Krieg ja jetzt noch allen in den Knochen steckte. Und dann wieder so einen Krieg, wo sie am Ende noch einmal so vielen Männern die Hände und Füße wegschießen würden? So viele Trafiken gibt es ja gar nicht, dachte sie, da müsste man ja eine jede auf zwei oder drei Invalide aufteilen, um für alle ein Auskommen zu schaffen. Der zweite Grund für ihre Abneigung gegen das Bundesheer lag in ihrer festen Überzeugung, der Rudi würde dort nicht Disziplin und Schneid lernen, wie ihr Mann immer meinte, sondern das Saufen und die Unzucht. Und drittens war es ihr ein Gräuel, sich vorstellen zu müssen, wie der arme Rudi, ihr einziger Bub, durch die Abrichtung ging, von der man sich allerhand Schauderhaftes erzählte. Umso schlimmer war es, dass man jetzt munkelte, die allgemeine Wehrpflicht werde wieder eingeführt. Mit dem Pepi wurde Maria Steininger fertig, wenn es darum ging, den Buben vor dem Militär zu schützen, aber mit dem Staat?

Ja, es war eine spannende Zeit für die Österreicher. Angesichts des Grauens, das auf sie folgte, wird wenig über sie gesprochen. Und spannend ist auch der Kriminalroman, den Thomas Buchner voller Detailtreue und Kenntnis in dieser Zeit angesiedelt hat: Es ist das Jahr 1935, in dem eine Leiche im Hof der Dollfußschule entdeckt wird. Bezirksinspektor Josef Steininger ermittelt – und muss schnell befürchten, dass der Mord eine politische Dimension hat. Möglicherweise ist der Tote der Schutzbundführer Schinagl, doch der sollte eigentlich hinter Gittern sitzen …

Thomas Buchner macht in „Der Fall Schinagl“ die 30er Jahre erlebbar – reisen Sie mit ihm durch die Zeit: dorthin, wo Willi Forst aus den Grammophonen erklingt und „Frankensteins Braut“ in den Kinos anläuft. Neben Ihnen verschlingt eine Dame im Stehen das neueste Kapitel des Fortsetzungsromans in der Tageszeitung. Um die Ecke biegt ein Fiat Balilla, auf der anderen Straßenseite teilen sich drei Junge Strizzis eine „Donau“-Zigarette. Und von oben hören Sie durch geöffnete Fenster den beleibten Bezirksinspektor Steininger schimpfen, weil ihm nun auch der Anzug, den ihm seine Mizzi schon mehrmals weiter gemacht hat, nicht mehr passt …