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Leseprobe: „Herr Groll im Schatten der Karawanken“ von Erwin Riess

Den sympathisch-grantigen Herrn Groll kann – trotz Rollstuhl und einem etwas versnobten Assistenten – nichts aufhalten! Besonders aufregend findet der eingefleischte Wiener und nebenberufliche Privatermittler politische Skandale; und von denen gibt es in Kärnten bekanntlich ja mehr als genug. Bei der Jagd nach dem Mörder seines Jugendfreundes, der in der Nacht seines Polterabends tot aufgefunden wird, kommt Herr Groll einem ungeheuren Wirtschaftsskandal auf die Spur, der tief in die Kärntner Oberschicht hineinreicht …

In diesem brisanten Roman verbindet Erwin Riess die Kärntner Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts mit aktueller Gesellschaftskritik zu einem höchst spannenden Kriminalroman. Mit dem Protagonisten Herr Groll erkundet der Autor mit kritischem Auge und zynischem Unterton die Zustände, die das österreichische Bundesland Kärnten prägen: Von der nationalsozialistischen Vergangenheit über diverse Wirtschaftsskandale wie die Hypo-Alpe-Adria Affäre bis hin zu geheimen Finanztransaktionen des Kärntner Geldadels begegnet den Lesern und Leserinnen eine Palette an Intrigen und korrupten Machenschaften, die im Land der VW Golfs und Jörg Haiders Wahlheimat nahezu an der Tagesordnung sind.

Aber lesen Sie selbst …

 

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  Erste Kontaktnahme mit der autochthonen Bevölkerung oder Behindertenparkplätze, Kärntner Lesart. Ein lebendes Relikt des Staatsvertrags und ein rettendes Quartier in Bilčovs

 

Wir versuchten noch, in der Klagenfurter Vorstadt ein Quartier zu finden, vergebens. In einem Einkaufszentrum nahe des Südrings wollten wir uns mit Proviant eindecken. Es regnete nach wie vor. Der Parkplatz war voll, es gab zwar auch mehrere Behindertenparkplätze nahe des Eingangs, aber auch die waren alle verparkt, von Nichtberechtigten, wie der Dozent feststellte, der sich kurz in den Regen wagte, um nach Ausweisen hinter der Windschutzscheibe zu suchen. Der am nächsten gelegene Behindertenparkplatz wurde von einem riesigen weißen BMW Geländewagen okkupiert. Ein drahtiger Mann um die vierzig war eben aus dem Monstrum gesprungen. Ich kurbelte das Seitenfenster hinunter und machte ihn darauf aufmerksam, daß er auf einem Behindertenparkplatz stehe und ich Rollstuhlfahrer sei. Das mache nichts, sagte der Mann freundlich. Ich solle warten, er brauche nicht länger als eine Stunde. Dann könne ich seinen Parkplatz gern benutzen, man helfe ja gern.

Wir waren beide so perplex, daß wir den Mann ziehen ließen. Dann stellte ich meinen Wagen so hinter das Schlachtschiff, daß ich dessen Abfahrt blockierte, holte Joseph hinter dem Fahrersitz hervor und steckte die Räder an.

Was dieser Auftritt zu bedeuten habe, fragte der Dozent, nachdem ich mich in den Rollstuhl geschwungen hatte. Der Begriff „Behindertenparkplatz“ scheine in Kärnten eine andere Bedeutung als üblich zu haben. Ich gab dem Dozenten recht. „Er meint, daß Behindertenparkplätze auch von behinderten Kraftfahrern verwendet werden können, sofern kein nichtbehinderter Lenker Anspruch darauf erhebt.“

Der Regen war stärker geworden, wir hasteten in das Einkaufszentrum. Nach der Erledigung unseres Einkaufs nahmen wir in einer Konditorei im Erdgeschoß einen Espresso und warteten das Ende des Gewitters ab.

„Haben S’ also doch einen Parkplatz gefunden!“ Wir drehten uns um, der Mann aus dem BMW grinste uns an. Ich gab mich freundlich und verwickelte den Mann in ein Gespräch. Der Dozent hörte aufmerksam zu. Er sei Geschäftsführer eines Personalverleihs, verkündete der Mann selbstbewußt, er warte auf einen kroatischen Kollegen, der zehn bosnische Putzfrauen im besten Alter zu verkaufen habe. Die Frauen seien mit slowenischen Papieren versehen, Slowenien sei in der EU, ich wisse schon. Ich äußerte mich anerkennend über den schönen großen Wagen und die soziale Kompetenz des Mannes, und der war sichtlich geschmeichelt und erklärte bereitwillig, wie es zur Kärntner Sichtweise der Behindertenparkplätze gekommen sei: aus sozialem Verständnis, gepaart mit großer Sympathie für Invalide. Er rückte näher und klärte uns auf: „Bekanntlich taugen Invalide nicht für normale Arbeitsstellen, daher ist jeder zweite arbeitslos. Sie sind also auf Unterstützung angewiesene Zuschußbetriebe“, leitete er den Vortrag ein. „Der Zuschuß erfolgt durch den Staat, sprich: den Steuerzahler. Mit einem Wort: Weil behinderte Menschen am Arbeitsmarkt keine Chance haben, sind sie von Zahlungen der öffentlichen Hand abhängig. Ich aber habe Arbeit und arbeite jede Woche zwischen sechzig und siebzig Stunden. Ich arbeite aber nicht nur für mich, sondern auch für die Steuer, sprich die Invaliden. Im Prinzip verdanken Sie mir jene Sozialleistungen, die Ihnen ein arbeitsfreies Leben ermöglichen.“

Es sei daher nicht unbillig, wenn ich den Leistungsträgern beim Parkplatz den Vorrang lasse, fuhr der Mann fort. Sollte ich seinesgleichen die Parkplätze streitig machen, würde ich ihre Arbeit erschweren, was zu einer sinkenden Produktivität führe, wodurch wiederum weniger Invalide unterstützt werden könnten. Es handle sich um einen sozialen Kreislauf, daher sei es dumm, davon auszugehen, daß Invalide auf Behindertenparkplätzen Vorrang genießen. Im Grunde sei die Forderung nach einem freien Parkplatz für Invalide asozial und müsse bestraft werden.

Der Dozent saß mit offenem Mund da, was der Mann als Aufforderung zum Fortsetzen deutete. Ich muß zugeben, daß auch ich von der Beweisführung beeindruckt war. Kann gut sein, daß der Mann unsere Zukunft beschreibt, schoß es mir durch den Kopf.

Er habe sich lange und eingehend mit der Frage befaßt, er sei beruflich ja viel unterwegs und habe daher immer wieder Kontakt mit Invaliden, fuhr der Mann fort. Freilich wisse er um die bestehenden Gesetze, er wisse aber auch, daß Kärnten immer wieder von zweifelhaften höchstrichterlichen Entscheidungen betroffen sei und daher eine bewährte Praxis im Umgang mit denselben entwickelt habe. Es gelte der Grundsatz, daß Entscheidungen der Höchstgerichte in Kärnten nur insoweit Berücksichtigung finden, als sie nicht Landesgesetzen, Landesbräuchen und dem gesunden Volksempfinden widersprechen. Er habe Politiker dahingehend angesprochen und sei auf freundliche Zustimmung gestoßen. Nur eine grüne Stadträtin habe sich entrüstet gezeigt, aber die Grünen seien eben auch Invalide, politische Invalide, die froh sein müßten, von der Gesellschaft erhalten zu werden. Er rückte noch ein Stück näher. Sein Rasierwasser war von ruraler Aufdringlichkeit.

„Die wirkliche Politik zeigt sich aufgeschlossen“, fuhr er fort. „Die Sozialdemokraten hätten nur gern eine Juristenkommission mit der Prüfung der Frage betraut. Ein Unsinn, aber harmlos. Die freiheitliche Mehrheit steht voll hinter meiner Idee, und die Kärntner ÖVP ist längst im Arsch der Freiheitlichen verschwunden. Könnte gut sein, daß mein Vorschlag ein Wahlkampfhit wird.“

„Sie verfügen über ein großes politisches Gespür“, sagte ich. „Sie wissen, wo man die Menschen abholen muß.“

„Finden Sie?“ reagierte der Mann erfreut. „Meine Frau sagt das auch immer. Sie sagt, solche wie du sitzen reihenweise in der Regierung und im Landtag. Setz dich dazu. Du kannst das.“

„Ihre Frau hat recht“, sagte der Dozent mit Nachdruck.

Ein rotblonder Mann mit dunklem Schnauzer trat auf unsere Polithoffnung zu. Die beiden schüttelten einander die Hände und zogen sich zum Palaver zurück. Im Hintergrund drückten sich einige ärmlich gekleidete Frauen scheu an die Wand.

Als ich wieder im Wagen saß und der Motor lief, bat ich den Dozenten, zwei hartgekochte Erdäpfel, die ich für diesen Zweck immer bei mir führte, in den Doppelauspuff des BMW-Schlachtschiffs zu stecken. Als wir den Parkplatz verließen, kam uns der Geschäftsführer mit vier Frauen entgegen, sie waren sehr jung. Er winkte uns freundlich zu, ich grüßte zurück.

„Was wird jetzt geschehen?“ fragte der Dozent, als wir uns in den Südring einreihten. Der Regen hatte aufgehört, in den Pfützen an den Straßenrändern glänzte Öl.

„Er wird ein paar Kilometer fahren, dann wird der Motor überhitzen, und der Wagen steht. Oder es zerreißt die Maschine und das Schlachtschiff versinkt in einem Flammenmeer.“

„Geschieht ihm recht“, sagte der Dozent.

Erwin Riess: Herr Groll im Schatten der Karawanken.

Erwin Riess: Herr Groll im Schatten der Karawanken.

„Ihm schon, aber was ist mit den Frauen?“ sagte ich. „Ich habe nicht damit gerechnet, daß sie mit ihm ins Auto steigen.“

„Selbst wenn er nicht in die Luft fliegt und nur liegenbleibt, wird er seinen Zorn an den Frauen auslassen.“

„Anzunehmen.“

„Bravo“, sagte der Dozent. „Das kommt von Ihren Guerillamanieren!“

„Ein tragischer Irrtum“, sagte ich.

„Das sagen die NATO-Kommandeure auch immer, nachdem sie eine Volksschule bombardiert haben.“

Ich schwieg.

 

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