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Aussicht auf Mord: Commissario Vossi ermittelt in Triest. Leseprobe

Hafenwind, Melange und Gelato, Stadt der Kaffeehäuser, Legenden und Dichter, Stadt an der goldenen Adriaküste, einstiger kaiserlicher Hafen, Tor zur Welt und Schmelztiegel der Kulturen. In den verwinkelten Gassen italienische Lebensfreude, Dolce Vita und südländisches Temperament – dann wieder prachtvolle Gebäude aus der k.u.k.-Zeit, nostalgische Melancholie und die drohende, eisige Bora aus dem Karst. – Vielfältiges, vielbesungenes, bewundertes Triest! Was könnte diese Idylle stören? Ein Mord natürlich! Und den gibt es, als nach dem Fund wertvoller Münzen ein Goldrausch ausbricht.

Lasst euch von dieser Leseprobe entführen in den Sehnsuchtsort an der Adria …

 

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Commissario Bruno Vossi legte sein Buch zur Seite. Es war heiß geworden über den Hügeln von Gorizia. Er blickte nach Norden über die Landsenke Friauls hinweg auf die karnischen Alpen. Der Anblick des ewigen Schnees auf den Gipfeln der Gebirgskette kühlte nicht wirklich ab. Schlimmer noch, er warf die Frage auf, ob angesichts der Klimaerwärmung von ewigem Schnee überhaupt noch die Rede sein konnte. Vossi nahm einen Eimer, stellte darin eine Flasche Prosecco kalt und öffnete die dunkle Bespannung des Sonnenschirms. Wie er doch diese dienstrechtlich verordneten Ruhepausen hasste, diese lächerliche Ultima Ratio Roms, das horrende Staatsdefizit durch Überstundenabbau zu reduzieren. Natürlich hätte er trotzdem in die Questura fahren und dort Dinge aufarbeiten können. Aber dann würde der Kollege von der Beamtengewerkschaft wieder etwas von Solidarität daherfaseln. „Wir merken uns das, Vossi“, hatte er das letzte Mal im Stiegenhaus blöd geunkt. Als ob das Hickhack zwischen Gewerkschaft und Rom etwas mit Solidarität zu tun hätte. Anzunehmen, dass liegengebliebene Arbeit neue Stellen schaffen würde, war reichlich naiv. Zumal die überwiegende Mehrheit der Kollegen sie mit nach Hause nahm. Wenn die Solidarität der Personalvertretung nichts Ergiebigeres erreichte als Verwerfungen, konnte er gut darauf verzichten.

Anfangs nahm Vossi diese Intermezzi gelassen. Wenn die Zwangspausen aber dann in die dritte Woche gingen, begann er zu granteln. Da half nicht einmal die Gewissheit, dass schon bald alles im alten Trott weitergehen würde, denn die römische Bürokratie war ausufernd, aber vergesslich. Einige widersprachen dem und verbesserten auf inkonsequent. Jedenfalls unterschied sich das weltliche Machtwort „Roma locuta – causa finita“ sehr vom kirchlichen Original. Das weltliche bedeutete ein Zwischenspiel, das päpstliche bei Zuwiderhandeln ewige Verdammnis, wenn nicht gar Flammentod im Diesseits. Auch ein Grund, warum Vossi mit dem Staat besser zurechtkam als mit Dogmen.

Der Commissario registrierte das Rumoren seiner Frau Jelena zwischen den Rosenstöcken und fand es ausgesprochen beruhigend. Nichts beruhige faule Männer mehr als eine fleißige Frau, schimpfte seine Schwiegermutter über die Mannsbilder. Wie klug sie doch war, sagte sich Vossi schmunzelnd und fühlte sich tatsächlich ruhiger.

Jelena hatte vor geraumer Zeit eine Stelle in einem Weingut auf der anderen Seite des Hügels angenommen. Von der Terrasse aus konnte man es beinahe sehen. Es war ein Weingut von Renommee. Vossi hatte bald feststellen müssen, dass sie genau diesen Job brauchte: betraut mit der Werbung für Wein, umgeben von herrlicher Natur.

„Ich könnte kein Förster sein“, hatte sie einmal gesagt. „Die sehen nur Bäume. Ich aber richte mich auf, schaue über einen ganzen Hang von Rebstöcken hinweg in das Isonzotal und fühle mich wie Gott.“ Da hatte Vossi etwas von Blasphemie gemurmelt, und Jelena zitierte: „Das Land brachte junges Grün hervor, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen und die Früchte bringen mit ihrem Samen darin, und Gott sah, dass es gut war. Genesis 1, 12“.

Er wusste es, er wusste es, er wusste es: Die wie eine Seuche um sich greifende religiöse Rückbesinnung auf mittelalterliche Urstände würde noch dazu führen, dass seine Jelena, dieses herrliche Produkt marxistischleninistischer Jugenderziehung, die Bibel zitierte.

„Selbstverständlich“, hatte sie erwidert, „wenn Menschen angesichts des sicheren Todes auf der Titanic ‚Näher, mein Gott, zu dir‘ anstimmen, warum nicht auch ich angesichts so viel Schönheit da draußen in der Natur der Weinberge.“

Vossi wollte bei Gelegenheit darüber nachdenken, was das eine mit dem anderen zu tun hatte, fand aber, dass die von Rom verordnete Zwangspause nicht die nötige geistige Indifferenz für emotionsloses Denken biete. Wichtig war nur: Jelena war glücklich, und überzeugender hätte sie dieses Glücksgefühl nicht zum Ausdruck bringen können. Damit war er natürlich dem Zwang ausgesetzt, gute Miene zum schlechten Spiel zu machen. Was ihm nicht immer leichtfiel, denn manchmal arbeitete jetzt auch sie länger. Dann wartete er auf sie. Allein mit dem notorisch anödenden Fernsehprogramm. „Du kannst doch lesen“, hatte sie einmal vorwurfsvoll gemeint. Doch komisch: Ein Buch genießen konnte er nur, wenn sie im Haus war. „Hier lebt es sich am schönsten zu zweit“, hatte sie gesagt. Jetzt verstand er auch den tieferen Sinn ihrer Worte.

Schön, dass sie jetzt einige Tage Urlaub hatte. Sie waren ihr als Ruhe vor dem Sturm gewährt worden. Vor jenem Sturm, den sie bei der bevorstehenden Weinmesse für die Region entfachen sollte. Die meisten Anreisenden dachten ja, dass der Weinbau hier auf die Römer zurückginge. Es war kein Schaden, sie in diesem Glauben zu lassen. Die Wahrheit aber sah anders aus: Alles Land hier war bis zum Ende der K.-u.-k.-Monarchie als Kirschgarten des Kaisers bekannt. Ab Ende März wären die Hügel weiß gewesen von der Blütenpracht der Kulturen. Es hätte jedes Mal ausgesehen, als wäre der Winter zurückgekehrt. Die Kirschen waren damals die ersten der Saison auf den Märkten Wiens, Budapests, Prags und gar Sankt Petersburgs. Mit dem Ende der Monarchie 1918 gehörte dann alles plötzlich zu Italien. Die Italiener aber hatten ihre eigenen Kirschgärten. Die Bauern von Cormons mussten sich etwas einfallen lassen. So waren sie auf Wein gekommen.

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Optisch passte Vossi ja nicht ganz zu den Weinbergen. Zu viel an ihm löste Assoziationen mit Bier aus. Er glich bis ins Detail der Galionsfigur, die seit Generationen die Flaschen von Birra Moretti zierte. Der Schnauzer und der Hut eines Bauern aus dem Steirisch-Slowenischen, die Lachfalten um die blauen Augen mit dem freundlichen Blick eines Wiener Hofzuckerbäckers, dazu der dunkelgraue Lodenanzug mit Knöpfen aus Hirschgeweih und die Schnürschuhe bis über die Knöchel. In den üblichen Halbschuhen schmerzten Vossi schon nach wenigen Schritten die Knöchel. Sagte er immer. Für Jelena eine Marotte. Wie auch immer: Mit den Schnittmustern der Mailänder Modeschöpfer hatte Commissario Vossi jedenfalls nichts gemein. Vielleicht genoss er gerade deshalb das Vertrauen der Menschen diesseits und jenseits der Trennlinien des Gesetzes.

Kollegen aus artfremden Teilen des italienischen Stiefels taten sich schwer, Vossi einzuordnen. „Wie sein Kaiser, dieser Weihnachtsmann in Uniform“, hatte einer mal resümiert.

Dem Aussehen nach ergab der Vergleich keinen Sinn. Nichts an Vossi erinnerte an Kaiser Franz Joseph und dessen Rauschebart. Deshalb wollte er wissen, wie das gemeint sei. In der Ecke Italiens, in der Bruno Vossi zu Hause war, tat man immer noch gut daran, solche Äußerungen auf die Goldwaage zu legen – vor allem als Staatsbeamter. Sie hätten als Vorwurf mangelnder Treue zur Republik Italien ausgelegt werden können. Und manchmal gebärdete sich Rom wie eine Besatzungsmacht.

Doch der Kollege hatte mit einer plausiblen Erklärung abgewunken: Er hätte Vossis Supranationalität gemeint. „König Emanuel durfte Italiener sein, Kaiser Wilhelm ein Preuße, aber mit dem Habsburger mussten sich alle seine Völker identifizieren können, egal ob Deutsche, Ungarn oder Italiener. Und auch Sie scheinen alles in sich zu verbinden, Commissario Vossi.“

Damit konnte er leben.

Die Vorfahren Vossis waren weiter südöstlich zu Hause gewesen, in der verlorenen Heimat Istrien, das die italienischen Faschisten an Jugoslawien verspielt hatten. Und so waren die Eltern des Commissario unter dem Diktat der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und Marschall Titos als Italienischstämmige dazu gezwungen gewesen, die Heimat zu verlassen. Bruno war da noch nicht geboren. Umso weiter hatten sich die Erinnerungen an das alte Zuhause von der bescheidenen, ja kargen Wirklichkeit entfernt. Dazu hatte auch die unfreundliche Aufnahme durch die italienischen Landsleute beigetragen, als man mittellos hier in Gorizia angekommen war. In Triest, wo der Vater eigentlich hinwollte, waren die Flüchtlingslager hoffnungslos überfüllt gewesen.

Andächtig hatte Bruno seiner Mutter zugehört, wenn sie von den Schönheiten des istrischen Heimatdorfes schwärmte. Und als er es das erste Mal besuchte, stellte er enttäuscht fest, dass es de facto ein Vorort Muggias, des südlichen Vorortes von Triest war, vielleicht fünf Kilometer vom Schlagbaum der italienischjugoslawischen Grenze entfernt. Streng genommen noch gar nicht istrischer Boden.

Auf dem Platz, auf dem das Haus der Großeltern und die Nachbarshäuser standen, erhob sich frech ein schmieriger Plattenbau mit einer schmutzigen Kneipe Erdgeschoß, die nie Besseres als Betontristesse gesehen hatte. Statt Coca-Cola gab es Jugo-Cola nicht bei Agip, sondern bei einer schmutzstarrenden Tankstelle mit der Aufschrift Jugopetrol.

Damals war Bruno zum ersten Mal stolz darauf, ein Italiener zu sein. Glaubte er zumindest. In Wahrheit war er bloß froh, dass er nicht in diesem Kaff aufwachsen musste. Stolz war er auf sein Zuhause, das Land zwischen Triest, Gorizia, Palmanova und Cividale, mit den Alpen im Norden, der Küste im Süden, den Ufern des Isonzo und der Lagune von Grado. Oft blieb er auf der Straße vor den Weinorten dieses Fleckens Heimat stehen, um sich am Anblick der Rebstöcke zu erfreuen. In Reih und Glied verharrten sie auf den Hängen, als ob ihnen der Himmel „Hab acht!“ kommandiert hätte.

Vossi wollte möglichst viel davon seinem Assistenten Roberto vermitteln: „Hier bist du in so viel Europa gleichzeitig!“ Es lag ihm sehr daran, dass der junge Sizilianer dereinst möglichst viel davon mit nach Hause nehmen konnte. Obwohl, Skepsis war angebracht, denn für alles, was nicht sizilianisch war, hatte Roberto nur ein „Outside Africa“ übrig. Sicher war also nur: Wenn es so weit war, dass Roberto Abschied nahm, würde Vossi ihn vermissen. Er mochte den Jungen, diesen noch nicht gereiften Marcello-Mastroianni-Typen. Nichts genoss der Commissario mehr, als von seinem Blick die Prozesse des Begreifens abzulesen. Und wenn er von Begebenheiten erzählte, in denen seine sizilianische Mamma die Hauptrolle spielte.

Vossi griff nach der Repubblica, seiner Meinung nach die einzige Zeitung Italiens, die es verdiente, gelesen zu werden. Er blieb an einem Artikel hängen, den er Jelena nicht vorenthalten wollte. Laut las er in Richtung Rosenrabatte:

 

Bei einer Versteigerung in London fiel für ein Goldstück von 6,8 Gramm mit der Prägung „Maximilian Emperador“ beim spektakulären Preis von knapp einer Million Euro der Hammer. Zwei Exilmexikaner, in den USA zu Multimillionären geworden, hatten sich gegenseitig überboten, bis bei 920.000 Euro der Hammer fiel. Die Prägung zeigt das Portrait Kaiser Maximilians von

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Mexiko, den mexikanischen Adler und das Prägejahr 1867. Kaiser Maximilian von Mexiko, jüngerer Bruder von Kaiser Franz Joseph, hat die Prägung ein Jahr vor seiner Hinrichtung in Auftrag gegeben. Das Besondere an dem seltenen Stück ist der Zusatz „In Memoriam“ auf der Kopfseite. Die Fachwelt ging ursprünglich davon aus, dass alle diese Münzen nach der Machtübernahme von Benito Juárez eingeschmolzen wurden und keine erhalten wäre. Das Goldstück, nunmehr gelistet als „Memoriam Maximiliano“, führt die Zahl 100 und keine Währungsangabe.

 

„Was sagst du dazu?“, wollte Vossi von Jelena wissen.

„Dass deine Repubblica mit dem Piccolo nicht mithalten kann. Der hat die Meldung schon gestern gebracht.“

Il Piccolo war ein Mittelding zwischen Boulevard und Zeitung. Er war schlimm, aber bei Weitem nicht das Schlimmste, was der Medienmarkt zu bieten hatte.

„Tatsächlich?“

„Tatsächlich“, echote es aus den Rosen, und Jelena kam in Bikini, Gummistiefeln und Arbeitshandschuhen aus den Sträuchern hervor.

„Ist es nicht ein Wahnsinn, wenn jemand für ein Stück mit einem Goldwert von vielleicht dreihundert Euro knapp eine Million hinlegt?“, meinte Vossi mehr als Feststellung denn als Frage.

Würdest du den Piccolo statt der alten Tante Repubblica lesen, würdest du es verstehen. Die Münze soll im Steinbruch von Jamiano gefunden worden sein und aus dem Schatz stammen, den Maximilian von einem Getreuen in den letzten Stunden seines Lebens nach Triest hinausschmuggeln lassen konnte. Für seine Frau Charlotte. So sorgen sich wahre Gentlemen, wenn es um den Verbleib ihrer Frauen geht.“

„Tu ich ja auch, du bekommst einmal meine Pension.“

„Vorausgesetzt, Italien geht nicht pleite.“

Vossi überhörte die budgetpolitischen Einlassungen seiner Frau. „Und? Hat der Schatz diese Charlotte je erreicht?“

„Nein. Der Überbringer soll ihn in einem der Steinbrüche hier vergraben haben. Leider hatte Commissario Vossi damals dienstfrei. Sonst würden wir mehr wissen.“

„Aber Vossi weiß, was das Geschwätz im Piccolo auslösen wird. Die Leute werden jeden Stein in Jamiano umdrehen.“

„Auch in diesem Punkt hinkst du den Abläufen hinterher: Im Radio wird stündlich darauf hingewiesen, dass alle Zufahrtsstraßen abgesperrt sind und das Betreten des Steinbruchgeländes von Jamiano strengstens verboten ist.“

„Was? Und keiner ruft an?“

„Du hast doch dein Handy im Büro vergessen und wolltest ohnedies deine Ruhe haben. Da habe ich auch meines abgestellt.“

Vossi sagte irgendetwas Unverständliches und stürmte in Richtung Haus. Jelena hörte ihn aufgeregt telefonieren. Minuten später erschien er wieder auf der Terrasse, volladjustiert: „Ich muss los.“

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„Das nennst du Zeitausgleich? Worin besteht da der Ausgleich?“

 

„Ich fahr ja nicht dienstlich hin. Ich will mir das nur ansehen. Privat sozusagen.“

„Und dich hat nicht Capitano Scappo von der Polizia um Hilfe gebeten?“

„Schon. Aber ich helfe ja nicht dienstlich, sondern nur aus Kollegialität. Von Freund zu Freund sozusagen.“

„Ich habe gar nicht gewusst, dass Scappo dein Freund ist.“

„In bestimmten Situationen schon. Bis später, mein Liebes.“

 

Lust auf eine Reise in die wunderschöne Hafenstadt? Mit diesem Buch steht ihr nichts mehr im Wege!