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Constanze Dennig über die Psychologie des Bösen

Constanze Dennig beschäftigt sich in mehrfacher Hinsicht mit menschlichen Abgründen: Sie arbeitet einerseits als Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und andererseits als Schriftstellerin. In ihren Krimis spielt die toughe Wiener Privatermittlerin und Psychiaterin Alma Liebekind die Hauptrolle – brandaktuell in „Böse Samariter“.
Für euch hat sich Constanze Dennig nun mit der Psychologie des Bösen beschäftigt, denn: Was ist das überhaupt, das Böse?

 

 

Das Böse wandelt sich ständig

Was ist mit „das Böse“ gemeint? Vorerst: „Das Böse“ als Grundwahrheit existiert nicht.

Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Theologen und Philosophen mit dem Begriff des Bösen.

Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Theologen und Philosophen mit dem Begriff des Bösen.

„Das Böse“ und sein Gegenteil, „das Gute“, sind schwammige Begriffe, die kulturell und religiös bedingt das Zusammenleben in Gemeinschaften regeln sollen. Dementsprechend bedeutet „das Böse“ in jeder Gesellschaft und Epoche etwas anderes. Darum ist es notwendig, den Begriff „das Böse“ unbedingt im zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext zu definieren. Was vor 1000, 100, ja vor 50 Jahren noch „böse“ war, weicht von unseren heutigen westlichen Moralbegriffen weit ab.

War es vor 100 Jahren noch keineswegs verwerflich, seine Kinder, ja sogar seine Frau zu züchtigen, so gibt es in unserer jetzigen Gesellschaft den allgemeinen Konsens, dass körperliche Gewalt jeder Art „böse“ ist. Ist es in anderen Sozietäten sehr wohl akzeptiert, dass unmündige Mädchen mit der Geschlechtsreife verheiratet werden können und damit auch dem geschlechtlichen Gebrauch durch dem Ehemann zur Verfügung stehen, so wird dies in der westlichen Welt keinesfalls akzeptiert. Wer im Krieg tötet, ist ein Held, wer seinen Nächsten tötet, ist ein Mörder.

Die Regel, was böse ist, unterliegt auch der Notwendigkeit in einer Gemeinschaft. So gilt für die Verteidigung einer Gruppe gegen einen echten oder vermeintlichen Feind nach außen eine großzügigere Auslegung des Begriffs „böse“ als innerhalb einer Gruppe.

 

Gut und Böse als gemeinsame Richtlinien des gesellschaftlichen Zusammenlebens

„Das Böse“ unterliegt also noch immer archaischen Regeln, obwohl die Menschheit „das Böse“ schon sehr früh in verbindliche Formen bringen wollte (zum Beispiel im Codex Hammurapi,  18. Jhdt. v. Chr., oder durch die 10 Gebote Gottes in der Bibel). Religiös und herrschaftlich betrachtet dient der Begriff des Bösen auch der Lenkung des Volkes. Der Machthaber, sei es ein Gott oder ein weltlicher Herrscher, bemächtigt sich dieses Begriffs und dirigiert durch Androhung von Bestrafung der „bösen“ Tat seine Schäfchen. Den Aspekt, dass Böses gesühnt werden muss, hat „das Böse“ in allen Kulturen und Epochen gemeinsam. Die Konsequenz der Strafe, ob zu Lebzeiten oder erst nach dem Tod, macht „das Böse“ erst zum Bösen. Somit kann sich im Laufe von Epochen oder beim Wechsel des politischen Systems böses Verhalten auch in Akzeptanz genau derselben Tat, ja sogar in das „Gute“ verwandeln und umgekehrt. Man denke nur an die Homosexualität, die einmal eine Todsünde war und heute in der westlichen Kultur als Bereicherung der gemeinschaftlichen Vielfalt empfunden wird. Umgekehrt hat uns der Nationalsozialismus gelehrt, dass positives Verhalten, wie Toleranz anderen Kulturen gegenüber, ganz rasch in unerwünschtes Verhalten, ja sogar in gesellschaftlich propagiertes „Böses“ wechseln kann. „Das Böse“ ist ausschließlich eine Übereinkunft einer Gruppe von Menschen und dementsprechend abhängig von den äußeren und inneren Umständen des Zusammenlebens.

Damit erklärt sich auch, weshalb „das Böse“ genauso wie „das Gute“ ein sowohl epigenetischer wie auch unmittelbarer Lernprozess ist.

 

Ist das Böse angeboren? 

Constanze Dennig ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Schriftstellerin. Foto: David Payr

Constanze Dennig ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Schriftstellerin. Foto: David Payr

Die Epigenetik (Änderungen in der Erbsubstanz unserer Vorfahren durch Erfahrungen, die diese durchmachten) prägt gemeinsam mit den individuellen Erfahrungen  im sozialen Umfeld unsere Einstellung, was gut und böse ist. Psychische Traumata verursachen nicht nur Verletzungen in der Seele, sondern schädigen auch das Erbgut! Das bedeutet, dass Menschen, die in ihrer Kindheit und selbst später noch negative Erfahrungen machten, diese an die Nachfolgegeneration nicht nur durch Erziehung, sondern auch in den Genen weitervererben. Was leider zur Folge hat, dass diese Menschen des Öfteren den allgemein sozial  anerkannten Wertekodex empathisch nicht nachvollziehen können. Denn Empathie ist die Grundvoraussetzung für „das Gute“! Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Ohne Empathie ist man nicht in der Lage, das Unrecht seines Handelns zu erkennen, und kann damit auch nicht zwischen Gut und Böse – nach welchen kulturellen Vorgaben auch immer – unterscheiden. Über die Entwicklung von Empathie gehen die Meinungen von Experten auseinander. Manche postulieren eine angeborene Empathie, die durch Erziehung nur modifiziert wird, während eine andere Gruppe von Forschern der Meinung ist, dass Empathie ausschließlich ein Produkt der Sozialisation des Menschen ist. Tatsache ist, dass diese Eigenschaft auch hormonell  (Oxytocin) beeinflussbar ist. Empathie ist die Voraussetzung dafür, dass man Leid, welches man anderen Menschen zufügt, auch nachfühlen kann. Verbrecher, die dazu nicht in der Lage sind, können zwar verstandesmäßig Schuld erkennen, diese aber nicht fühlen. Das bedeutet, dass sie zum Beispiel einen Mord, den sie begangen haben, zwar als Tat sehr wohl als nicht rechtens begreifen können, ihnen aber jedes Mitleid für das Opfer abgeht. Ganz im Gegenteil, es kann sogar sein, dass sie nicht nachvollziehen können, weshalb sie bestraft werden und deshalb für sich Selbstmitleid wegen der unangenehmen Konsequenzen empfinden.

 

Ein Zusammenspiel aus äußeren Einflüssen und genetischen Voraussetzungen

Die Reaktion eines Menschen auf das Leid eines anderen wird im Insellappen, dem Lobus insularis, der ein Teil des Cortex (Großhirnrinde) ist, ausgelöst. Diese Insula ist mit dem limbischen System und dem Thalamus verbunden, welche dann wiederum die Emotion hervorrufen. Wir sind heute schon imstande, Gehirne von Psychopathen – denn das ist der psychiatrische Fachbegriff für Menschen, die keine Empathie empfinden können – mittels PET (Positronenemissionspektrografie) und Magnetresonanztomografie zu untersuchen. Es hat sich herausgestellt, dass bei vielen Psychopathen große Teile des paralimbischen und des limbischen Systems strukturell schwächer waren als bei der Normalbevölkerung.  Doch nicht jeder Psychopath muss ein verurteilter Verbrecher sein. Psychopathen können sich nur nicht in den anderen hineinversetzen, dem sie Leid antun. Viele der erfolgreichen Manager, die über Leichen gehen, sind Psychopathen, aber auch viele Menschen, die erfolgreich ihre empathischen Mitbürger manipulieren und ausnutzen. Allgemein kann man sagen, dass Psychopathen eben Individuen sind, die keine Empathie empfinden. So ergibt sich, dass „das Böse“ ein Zusammenspiel gesellschaftlicher, erlernter Zwänge sowie auch genetischer, epigenetischer Voraussetzungen ist. Man wird sehen, inwieweit die Hirnforschung in Zukunft Daten liefern wird, die es uns ermöglichen, Verbrecher frühzeitig zu erkennen. Ob das dann eine Orwellsche Gesellschaft erschafft oder dem Wohle der Bevölkerung dienen wird, bleibt offen.

 

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Dem Bösen auf der Spur ist Alma Liebekind, deren chronische Neugier sie stets auf Trab hält. Als zu Silvester nach dem Erklingen der Pummerin und dem Knallen der Korken vor ihren Augen ein Mann stirbt, gibt es kein Halten – und Alma geht auf Verbrecherjagd in Wien …
Von der Leopoldstadt bis in den Alsergrund, vom Stephansplatz bis zum Naschmarkt durchleuchtet die resolute Alma kriminelle Seelen. Begleitet Alma bei ihren Ermittlungen durch die österreichische Hauptstadt!